Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Wilmersdorf bei Berlin, 15.11.1919
Hermann Kienzl
Berlin-Wilmersdorf
Berlinerstr. 10
Samstag 15. November 1919.
Mein lieber Gulian!
Soeben ist die mich, uns alle auf's Äußerste
verblüffende Todesnachricht eingetroffen... Jede
briefliche Mitteilung fehlt noch. Ich bin deshalb
mit gutem Grund sehr, sehr besorgt um Dich!
Weiß ich doch, wie wenig Deine psychische Konsti=
tution schweren Aufregungen gewachsen ist! Es
ist schrecklich, daß die Privattelegramm=Sperre
mir nicht die Möglichkeit läßt, rasche Nachricht
über Dein Befinden einzuholen. Nicht einmal
weiß ich bestimmt, wohin ich diese Zeilen zu
richten habe; doch glaube ich, daß Du nun
in Wien bist und Henny Dir den Brief am raschesten
zumitteln wird.
Lieber Bruder! Du wirst es mir nicht schlecht
auslegen, wenn ich mich über das trotz allem
beklagenswerte Menschenkind, das vom Schicksal
Dir durch fast vier Dezennien verknüpft war
und für alle die Deinen von Bedeutung wurde,
nur mit wenigen Worten äußere. Ich bin
nicht berufen, den Nachruf zu halten, und
was immer ich sagte, es könnte Dir zu hören
schmerzlich sein. Aber selbstverständlich bleibe auch
ich nicht unbewegt bei dem Gedanken an
die Qualen und das traurige Ende Lilis. Natur=