Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm und Helene Kienzl. Grieskirchen, 23.7.1926
Grieskirchen, Freitag 23./7. 1926 5 nachm.
Mein lieber Gulian! Meine liebe Henny!
Bei der Bangigkeit und schweren Wehmut des Ab=
schieds heute früh spielte Deine Max und Moritz=Jugend,
mein lieber Gulian, wirklich keine Rolle. Ich unterdrücke
alle Worte für die Gefühlsreflexionen, die sich uns auf
beiden Seiten - trotz bewußten inneren Widerstandes -
aufdrängten .... Doch umso heftiger ist mein Bedürfnis,
Euch beide noch einmal im Geiste an's Herz zu drücken
und Euch das zu sagen, was freilich auch Ihr aus
Eigenem wißt: daß trotz Regen, trotz Nebel= und
anderer Schatten und der nicht immer ganz verleug=
neten Betrübnis des Kranken unter Gesunden, diese
Tage von Aussee einen goldenen Sonnenschein hatten.
Für alle Liebe Euch Dank und immer wieder Dank!
Grüßt auch die anderen liebwerten Sassen im Haus
auf der Höhe - bis herab zur Dreikäsehöhe des
kleinen Bulala. ― Dem Versprechen treu, berichte
ich nun über das Erlebnis mit dem „Wunderdoktor”.
In jedem Fall ein persönliches Erlebnis, an dem nur
noch zweifelhaft, ob es mehr den Patienten oder mehr
den Schriftsteller angeht. Aber ich verkorke vorläufig,
meine Dankbarkeit trocken haltend, den in der
Flasche moussirenden Skeptizismus. Um ¾ 2 traf ich
in einem von vielen Autobussen (auf halsbrecherisch
verwahrloster Fahrstraße) in Gallspach ein. Der Dorfdreck,
die Kultur=Entrücktheit der Szene ist für einen, der
das nicht sah, nicht auszudenken! Aber es steckt wohl
ein kluger Wille hinter der Inszenierung. Als ich mit