Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm und Helene Kienzl. Grieskirchen, 23.7.1926
ungefähr 300 Männern u. Weibern aller Stände (sozusagen
Lords und Mistbauern bunt gemischt) eine Stunde lang
an dem verunkten Schloßteich (das Schloß eine ziemlich
wüste Angelegenheit!) auf den Rabbi wartete,
wurde mir im Schädel Zolas Lourdes lebendig.
Schnatternde Gespräche im dichten Knäul; die schon
in Behandlung Stehenden äußerten Vertrauen und
auch nervöse Angst vor den wieder bevorstehenden
mystischen körperlichen und maschinellen Effekten; die
zum ersten Mal Antretenden, eine stattliche Kumpa=
nei, auch einige ganz Sieche und Uralte, äußerten
- einige sogar heulend - Angst vor der Ablehnung
ihrer Behandlung, die, wie man erzählte, der
„Meister” mit den Worten zu geben pflegt: „Ihr
Herz ist verbraucht (oder ähnlich) - Sie würden
mir draufgehen” - oder: „Machen Sie Schluß, Ihnen
ist nicht zu helfen!” - Dann wurde die enge Tür
im Gang geöffnet, und 40 Männlein drückten sich
in das Zimmer. Ich war unter diesen ersten.
Nach einer besonderen Order, als Antwort auf
meinen Brief, hatte ich vergebens geforscht. Es
war vom Personal nur eine Dame sichtbar gewesen,
die mich auf meine Frage anschnarrte: „Gehen Sie mit
den anderen hinein! Ohne Hosen sind alle Menschen
gleich.” (Was mir in gewissem Sinne doch auch zweifelhaft dünkt!)
In dem dunklen Raum stand der bärtige Magus,
eine brennende Virginia im Munde, die er während
aller Untersuchungen u. Behandlungen nicht einen
Augenblick weglegte oder ausgehen ließ. Typus
Hermann Bahr. Im Faszinierenden, im Derben (und
wie Derben!) und in Gestalt und Gesicht; vielleicht