Kienzl, Hermann: Brief an Wilhelm Kienzl. Berlin, 1.5.1925
Nun habe ich noch eine große Bitte an Dich, mit der
ich Dir allerdings ein bißchen Zeit raube, aber der gute Zweck
wird Dich diese Bemühungen nicht bedauern lassen. Weil in der
nächsten Nummer schon das Feuilleton Euch Musikanten eingeräumt
werden soll, beabsichtige ich, auch die literarische Beilage die-
ser Nummer (Deutsche Dichtung Oesterreichs) einigermaßen darauf
einzustellen. Noten bringe ich zwar nicht, aber auf 1 - 2 Seiten
Portraits österreichischer Komponisten und anstelle von Probe-
stücken eines einzelnen österreichischen Dichters, diesmal eine
kleine Sammlung von Gedichten österreichischer Poeten, die von
österreichischen Komponisten in Musik gesetzt wurden. Um möglichst
viele österreichische Komponisten berücksichtigen zu können, soll
je ein österreichischer Liedtext aus den Werken eines Komponi-
sten gefunden werden. So z.B. will ich von den Schubertliedern
nur Leitners "Mönch" abdrucken. Selbstverständlich kann ich nur
Liedertexte wählen, die auch ohne Musik durch dichterischen Wert
präsentabel sind. Daher weiß ich nicht, ob unter den Liedern Schu-
berts, Haydns, Dittersdorfs und anderer alter Herren brauchbare
österreichische Gedichte zu finden sind.
Jedenfalls brauche ich Deinen Rat und Deine Hilfe wie einen
Bissen Brot! Sei so freundlich mir möglichst umgehend eine kleine
Liste aufzustellen von österreichischen Komponisten und österrei-
chischen Liedertexten! Meine musikhistorischen Kenntnisse sind
schwach. Jch habe natürlich neben Schubert Hugo Wolff, Marks,
Heuberger, Bruckner,(hat er Lieder?) Joh.Strauß? und wenn etwa
das Judenburger Geläut von Rosegger sein sollte, auch Gauby und
von den Jungen sogar Frischenschlager im Sinne; diesen hauptsäch-
lich, um ein Gedicht von mir anzubringen. Von Dir würde ich am
liebsten das Roseggersche "Meine Lust ist Leben" bringen, aber die
ses Gedicht wurde von uns schon in der Rosegger-Nummer abgedruckt,
sodaß sich diesmal vielleicht „Der Goldschmied“ oder das "O'Vögerl"
empfiehlt. Jch möchte Dich gerne mit Rosegger zusammenspannen.
Also sei so lieb, mir Deine Ratschläge rasch zukommen
zu lassen.
Die "Oesterreichisch-Deutsche Arbeitsgemeinschaft", zu
der Du eingeladen wurdest, ist in der Auswirkung meines im Februar
gehaltenen Wiener Vortrags entstanden. Die zweite Folgeerscheinung:
Die bevorstehende Gründung einer Ortsgruppe Wien des Oester-
reichisch-Deutschen Volksbundes, ist uns jedoch viel wichtiger,
und ich mache Dich darauf aufmerksam, daß dort Dein und Hennys
Beitritt unerlässlich ist.
Vor ein paar Tagen überraschte uns Richard Sahler mit
seiner Frau. Es war wirklich eine Freude!
Wir erwarten Dich zuversichtlich in Berlin!
Herzliche Grüsse
Dein
Hermann.