Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 9.12.1918
„Die Perser“ gelesen, worauf ich ein Beethoven'sches
D-moll=Adagio spielte, das ganz in die große Stim-
mung passte. Mit Marianne Schrutka u. Hari bei
Jüllig's gespeist. Ich allein ging Nachmittags zu Hed-
ding's, wo ich Tee jauste u. einige Stunden ange-
nehm verplauderte. Es waren noch dort: Frau Ker-
ner mit Kindern, Frau Mebus, u. Frl. Selle (die un-
verheiratete Schwester des Ausseer Pastors Selle).
Es wurde natürlich viel politisiert, u. Hedding
war so unzart, in derbster Weise über die Juden
zu schimpfen, so dass Else ganz traurig u. sprachlos
war. Er erklärte schreiend, dass seine Kinder
„keine Juden“ seien, u. wenn es die Leute auch noch
so oft sagen!!! Hedding's sind sehr arg getroffen
durch die Licht= u. Heizbeschränkungen; sie haben
sich ganz auf ein Zimmer zusammengezogen. Kerner's
geht's jetzt noch schlechter. Die können gar nicht heizen.
Da geht's mir besser! - Heute war ich mit Millenkovich
u. Mutter u. Frau Lehner bei Henny zum Mittagessen
geladen. Dann sehr anregende Plauderei mit Mil-
lenkovich, der wieder allerlei Pläne hat. Jetzt sitze
ich in großer Stille zu Hause (es ist 6 Uhr Abends).
Ich will heuer Kammermusik=Matinéen (Klavier-
trios) für den Kienzl=Fond privatim veranstalten,
worauf ich mich schon sehr freue. Freust Dich auch
ein bissl darauf? Oder ist Dir meine Kunst ganz
gleichgültig geworden? - Auch habe ich Pläne für
ein großes Chorwerk tragischer Art mit Orchester u.
Melodram. - Noch etwas: Erna kam kolossal beladen
gestern von Oberösterreich nach unsäglichen Strapazen
zurück; sie brachte unzählige Kilo Butter [wird Dir die
Quelle mitteilen], einige Kilo Schweinefett, einen Sack Erdäpfel
u. Aepfel, einen Riesen=Schweinebraten mit Speck u. Leber,
Geselchtes, 30 Eier mit. Es war ihr leider die Reise von
Attnang nach Gmunden unmöglich gemacht, da sie hätte fast 24
Stunden warten müssen, so dass sie Dir von dort die Kleider u. Schuhe
u. das Brot per Post schicken musste. Sie will aber noch einmal reisen.
Sie ist ein Tausendsasa. Wie geht's Dir? Bitte, schreibe doch Deinem Dich herzlich
umarmenden Wilhelm