Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 9.12.1918
werden! So kann's nicht lange fortgehen.
Bei mir zu Hause ist's aber sehr behaglich.
Heute hat Marie große Wäsche. Vorgestern
putzte sie die Fenster. Alles ist rein u. in
schönster Ordnung. - Nun lass' Dir erzählen!
Freitag besuchte ich Bahr in seinem Büreau
im Burgtheater. Er war sehr nett, erkundigte
sich lebhaft um Dich, lässt Dich schön grüßen.
Wir plauderten über eine Stunde sehr
anregend über Politik, Kunst, Hoftheater etc
Nach dem Abendessen war ich bei Hofrat Prof.
Brockhausen, wo vor einem ganz kleinen Kreise
der Prof. juris Przibram einen Vortrag über die
politischen Verhältnisse während u. nach dem
Kriege hielt, dem eine Diskussion folgte.
Einige Frauenrechtlerinnen waren da, u. A. die
Gemeinderätin Frau Fürth. - Samstag war ich
in der sehr wichtigen Kriegssteuer=Angelegen-
heit mit einer Deputation der Autorengesell-
schaft bei Sektionschef Gottlieb Billroth, bei
der ich selbst viel sprach im Interesse der
dramatischen Autoren u. Komponisten, ob
mit Erfolg, wird sich zeigen. Abends bei Jüllig's
mit Sektionsrat Dr. Karl Scheimpflug.
Gestern (Sonntag) war Vormittag die erste Vorlesung Henny's,
bei der auch Ernstl Frötsch) zugegen war [er be-
sorgte mir eine Lammschulter!!], u. zw. wurde die
erschütternde, ganz in unsere Zeit u. für unser
besiegtes Volk passende Tragoedie des Aischylos:
)Rena bat telefonisch Henny, ob er an ihren Vorlesungen
teilnehmen dürfe.