Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 9.12.1918
an Dich, obwohl ich genug zu tun habe
u. mich in meiner Ruhe sehr wohl befinde.
Der Gedanke, dass Du die Gmundener Bequem-
lichkeiten dem Beimirsein weit vorziehst,
hat etwas sehr Trauriges für mich, wenngleich
ich es nicht läugnen kann, dass wir uns
„im Raume stoßen“, wenn wir beisammen
sind. Gesundheitlich bin ich sehr wohl.
Ich speise abwechselnd zu Hause (mit
Schonung der Vorräte), in der Schreigasse
u. auswärts. Auch einige Lebensmittel-
käufe habe ich gemacht, wenn auch nur
wenige; so heute 5 Kg. gutes Mehl zu
20 Kr 50H., 10 Eier zu 1 Kr 40H, 1 Schweine-
braten zu circa 35 Kg, den Erna mitbrachte,
u. 1/2 Kg. Butter (kostete 18 Kr 91 H.) für mein
sehr bescheidenes Frühstück. Im Übrigen
sind die Zustände hier sehr traurige. Es brennt
fast kein Licht in den Straßen, viele Leute
(ich allerdings nicht!) frieren wegen Gas=
u. Kohlenmangel, die Haustore sind um
8 Uhr wegen Lichtersparnis gesperrt,
die Elektrische verkehrt nur bis 8 Uhr,
sämtliche Theater, Konzertsäle u. Kinos
sind geschlossen. Aber es muß besser