Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 11.3.1919
von mir: „Meine Mutter“, „Der englische Gruß“,
„Abendgang“, „Zwischen dir und mir“, „Herbst“, „Sehr
einfach!“ - Alle Hörer waren entzückt.
Rena mit Tochter u. Sohn, die junge Rauch, Knall,
Straßgis, Gottinger waren auch da. -
Samstag Abend hörte ich mir ein Symphoniekonzert
unter des begabten jungen Dirigenten Konrath Lei-
tung in der Direktionsloge des gr. Musikvereinssaales
an (Werke von Brahms, Debussy, Marx u. R. Strauß),
Sonntag Abends ein Kompositionskonzert (schwach)
von Ferdinand Rebay im gleichen Saale.
Gestern Montag verbrachte ich viel Zeit bei der
Steuerbehörde, um wichtige Erkundigungen
einzuziehen. Diese entsetzliche Steuerschraube
macht einen ganz verrückt u. sorgenvoll.
Dann Notenabstempelung bei der Bank
(hast Du die Deinen schon umgetauscht?)
Ich speise nun öfter bei der „Scholle“,
wo es im Hinblick auf die enorm schwieri-
gen Ernährungsverhältnisse recht gut u.
auch reichlich ist, wofür man nur 4 Kr
(es musste der Preis wieder erhöht werden)
bezahlt, während es im normalen Gasthause
das Drei= bis Vierfache kostet. Noch
komme ich ganz gut durch, wie Du siehst.
Auch habe ich noch immer Gmundener Butter
zum Frühstück, was mir unendlich wertvoll
ist. Ich spare eben sehr damit. Jülligs