Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 14.3.1919
Augenblicklich ist wohl die allerschwer-
ste Zeit. Hier ist jetzt tatsächlich Hungers-
not. Nur Einzelne haben noch die Möglich-
keit, sich Lebensmittel zu verschaffen. Das Volk
hungert mit bewunderungswürdiger Geduld.
Wien scheint Gottlob dem Bolschewismus
infolge des gutmütigen Charakters seiner Be-
völkerung nicht zugänglich zu sein, sonst
müßte er jetzt bereits losgebrochen sein.
Ich esse jetzt bei der „Scholle“, u. zw. über-
raschend gut u. reichlich, da man mich
auffallend bevorzugt u. mich wie einen
Fürsten behandelt im Gegensatze zu den
normalen Gästen. Ich bin also recht froh,
dass ich mich seinerzeit eingeschrieben
habe, u. auch Du würdest gewiss dort zu-
frieden sein im Hinblick auf die traurigen
herrschenden Verhältnisse.
Wie gern käme ich öfter zu Dir, z.B.
jede Woche auf einen Tag! Aber die Reise-
verhältnisse sind derartig elende, dass
(ganz abgesehen von den Kosten) daran
gar nicht zu denken ist. Übrigens ist
es ja erst 14 Tage her, dass ich bei Dir
war, liebes Kind. Vom Reisen abgesehen
könnte ich aber derzeit bei bestem Willen