Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 17.1.1919
Wien, 17. Jänner 1919.
Vormittag.
Meine teure Lili!
Geburtstag! Völlige Stille u. Einsam-
keit! Ich weihe den traurigen Festtag
ein, indem ich an Dich, Du Arme, Liebe,
schreibe, so dass ein seelisches Zusammen-
sein „wie einst im Mai“ die Feier des Tages
bildet. Du bist bei mir, Du sitzest
neben mir, u. ich denke mir, dass Du mich
ausnahmsweise sogar anhörst, wenn ich
mit Dir spreche. - Eben kam Dein lieber
Brief, der mich tief ergriff. Ich weine
unaufhörlich. Glaube nur ja nicht, mein
Kind, dass ich nicht alles mit Dir fühle,
was Du an wirklichem u. eingebildetem
Kummer leidest. Das Leben ist eben grau-
sam. Mit uns beiden ist das Schicksal bisher im Ganzen
recht glimpflich verfahren; nun ist's halt
eine Weile weniger schön. Aber es wird si-
cherlich besser u. schöner werden, wenn
Du nur einmal gesunder bist, so dass
Du wieder bei mir sein kannst. Dazu bedarf
es aber vor allem Deines festen guten Willens.