Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 28.1.1919
II zum Brief vom 28. Jänner 1919.
von Melodie u. Klangzauber strotzende
B-dur=Trio von Schubert (Op. 99) den Schluss.
Ich fühlte mich wie in einem Wonne=
bad u. plätscherte nach Herzenslust
in der göttlichen Musik. Am ersten
Tag schon nahm ich für den Fonds 1400
Kronen ein. Auch die Schwiegertochter der
armen Adi war dabei, Else Hedding, die
Gottinger, Bartsch's, Jüllig's, Frl. Weinberger,
Fritsch's, die Schrutka, Martha Mautner-Mark-
hof (die Tochter der alten Eisl) mit 2 Töchtern
fast nur Christen! - Dann war ich zu
einem guten Mittagessen im Cottage bei
den lieben Scheidl's eingeladen, u. zw.
mit Richard Strauß u. Schalk s. Frau.
(Die Jeritza hatte abgesagt). Strauß, der
jetzt in Angelegenheiten der Wiener
„Hofoper” 10 Tage in Wien weilt, war
ungemein nett gegen mich, erkundigte
sich lebhaft um meine neuen Arbeiten
u. freute sich, dass ich Melodramen ge-
schrieben habe. Es wurde viel Inter-
essantes gesprochen, u. es war recht
heiter. Schalk ist rasend nervös, sieht
elend aus: wie ein Skelett. Abends bei
Jüllig-Bauer soupirt. ˑ/ˑ