Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 1.2.1919
gänzlich unbekannten Menschen
kriegen? Bekomme doch selber
kaum einen Platz unter den jetzigen
Verhältnissen. Wie sich die Leute nur
so etwas vorstellen? - Gestern Abends
war eine merkwürdige Sache: ich war von
den beiden Schweizer Lebensmittelkommis-
sären Oberst Frey u. Dr. Ferrière zu einem groß-
artigen Picknick im Souterrain des Hotels
,Regina‘ geladen, wo circa 60 Leute
sich einfanden, darunter Dr. Schönherr,
Weingartner, Felix Salten, Dr. Krückl, einige
Hofschauspieler, der schweizerische Gesandte,
der Bürgermeister Dr. Weiskirchner, mit dem
ich lange sprach u. der sehr nett mir mir war
Es war ein Riesenbüffet aufgestellt, das
3mal gewechselt wurde (!). Es gab auch lu-
stige Vorträge. Ich ging schon um 1/2 1 Uhr
fort. Es dauerte aber sicher bis 5 Uhr früh.
Pilsener Bier, Wein, Kaffee, Tee, Zigarren gab's
auch. - Heute hatte ich Probe mit Frau
Ulanowsky, die meine Lieder wunderschön singt,
u. mit den Trio=Musikern für meine morgige
2te Kammermusik. Und nun leb' wohl,
liebes Kind, grüß' Ida u. alle dortigen Bekann-
ten u. sei umarmt von Deinem alten
„Niklo” Willi