Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 1.4.1919
Wien, 1. April 1919.
Meine liebe Lili!
Von Dir erhielt ich nun schon einige
Tage keine Nachricht. Warum? Nur einige
Zeitungsausschnitte kamen heute. Danke dafür.
Ich will Dir heute nur die Vorkommnisse
der letzten Tage seit meinem Brief vom 27. März
erzählen. Dienstag den 27. fuhr ich per el.
Bahn nach Floridsdorf, wo ich von der lieben
Martha Mautner-Markhof zu einem ausge-
zeichneten Mittagessen eingeladen war, u. zw.
ich ganz allein im Kreise ihrer engsten Fa-
milie. Es war sehr gemütlich; die Wohnung ist
schön u. behaglich, was um so nötiger ist, als
das Haus in einer Fabrik=Wüste à la Stein-
feld steht. Es gab: Spinatsuppe, prächtige
Beefsteaks (ein Friedenstraum) mit Kartoffeln,
Schoten, Reis u. Schokolade=Pudding mit wun-
dervollem Rüdesheimer Wein. Ich esse seit
Wochen keinen Bissen Fleisch mehr, so dass
mir eine Abwechselung recht wohl tut.
Nachmittag besuchte ich die 89 jährige Ma=
ma Mezler, die große Freude hatte. Sie ist