Kienzl, Wilhelm: Brief an Lili Kienzl. Wien, 19.4.1919
Wien, 19. April 1919.
(Charfreitag).
Mein liebes Kind!
Am Vorabende meiner Abreise nach Graz,
zu der ich mich nun endlich nach lan-
gem Wanken entschlossen habe, will ich Dir noch
schreiben, um Dir glückliche Ostertage zu wün-
schen, nachdem ich Dir bereits telegrafische Oster-
grüße geschickt habe. Gern wäre ich bei Dir in
den Ostertagen; aber die Verhältnisse liegen nun
einmal so kompliziert, dass es sich nicht anders ma-
chen ließ, als wenn ich die Einladung zum Dirigiren in
Graz zurückgewiesen hätte, was mir doch
nicht gut tunlich erschien. Du schreibst, ich habe
mir zu viel aufgeladen. Kann sein; jetzt muß ich
aber die einmal angekündigten Sachen zur Aus-
führung bringen. Dann komme ich gleich zu Dir,
um mit Dir alles Weitere zu besprechen, was
freilich unbedingt nötig ist. Deine vielen
Briefe u. Karten habe ich alle erhalten.
Sorge Dich nicht: es wird alles geschehen!
Heute kamen Deine Eier, Butter u. Zuckerln, für
die ich Dir herzlich danke. Ich kann sie gut
als Wegzehrung für die Reise u. die Grazer Hunger-
zeit brauchen! Es war sehr lieb von Dir. Es
ist mir ganz neu, dass Du noch Zucker in Wien
hast. Wo soll der sein? Schreibe es mir genau!
Reis kaufe nur! Du kannst auch für Henny