Kienzl, Wilhelm: Brief an Helene Kienzl. Graz, 24.3.1917
auf dem Bett, um die Schlaflosigkeit
der heutigen Nacht auszugleichen.
Glaube mir: sie hat mich über die Maßen
lieb, hat nur nicht die Fähigkeit u.
Größe der Entsagung zugunsten einer
Anderen. Wer weiß, ob Du, Große,
sie hättest! Man muß nur gerecht
sein! Ist diese Gerechtigkeit wirklich
Schwäche??? -------
Sieh' nur, dass das Konzert bald nach Ostern
ist, denn ich „will“ warten u. möchte es
doch nicht zu lange. - Die Briefe Rosegger's
u. Kalin's soll ich Dir schicken? O bitte
warte, bis ich sie mitbringe! Na, ich
will mir's noch überlegen. -
Wie aber wird's mit Aussee werden?
Ich zittere - u. eine furchtbare som-
merliche Leere u. Öde tut sich vor
meiner geängstigsten Phantasie auf.
Nicht auszudenken, ein Fernvoneinan-
der sein. Der Himmel helfe uns!
Lili will Euch fern bleiben, da sie die Auf-
regungen, die ihr Dein Anblick unwillkür-
lich bereitet, aufreiben, ja umbringen.
Darin liegt ja meine Tragik. - Kind, rege Dich
nicht auf; ich will möglichst vernünftig sein.
Es grüßt Dich innig Dein Osiris.