Kolig, Anton: Brief an Richard von Schaukal. Nötsch im Gailtale, 12.2.1915
Der Bürgermeister erzählte mir, daß auch die
Anhöhe ober Nötsch „Hrazd” genannt, dann die
nahe Windische Höhe mit Schützengräben bebaut
werden sollen und daß zu diesem Zwecke auch Russen
hierherkommen werden. Das Canaltal sei fürchter=
lich befestigt unter anderem durch eine Riesentalsperre,
die im Invasionsfalle gesprengt wird um die Feinde
zu versaufen.
Warum ich Ihnen schreibe? Sie haben anläßlich
meines Besuchs in Wien dafür Interesse bekundet -
und weil ich Sie zugleicherzeit bitten will, ob Sie
mir ein beruhigendes Wort geben können. Ich habe
in den Augusttagen soviel Sorgen und Kummer
um die Kleinen ausgestanden - daß ich ähnliches
den meinen und mir versparen möchte, wenn
es angeht, möchte früher fliehen bevor es zum
Äußersten kommt. Auch die ansteckenden Krankheiten
grassieren in Kärnten - aber diesen ist ja heute nirgends
auszuweichen. Wir sind derzeit alle gesund.
Ich kann nicht leugnen, daß ich arbeite und
darum verbissner Hoffnung bin - blind sein möchte
und es doch nicht sein kann. Ich habe wieder glücklich
begonnen, weiß was ich will. Die Pariser Probleme sind
bei mir und ich könnte die dort liegengelassenen
(unfreiwillig) Fragmente verschmerzen; nur Paris
kann ich nicht vergessen. Ich träume fast jede
Nacht in Paris, sehe mich so frei und glücklich
wie ich dort gewesen bin -
Herzlichste Grüße von Haus zu Haus
Ihr
ergebenster
Anton Kolig