Kralik, Richard: Brief an Hermann Bahr. Wien, 18.4.1916
I
Wien 18. 4. 16
Lieber Freund, als Ergänzung meiner gestrigen Laien-Predigt, die
mit drei eingeschriebenen Sendungen an Sie abgeht, noch einiges, ebenso
unmaßgeblich. Daß Zingerl an der Einzelbekehrung wenig Interesse hat,
ist im Roman m. E. einleuchtender als im Stück. So weit ich solche
Geistliche kenne, ist es überhaupt manchem um Propaganda nicht zu tun;
sie sind alle sehr diskret. Es scheint gerade zur Seelsorge zu gehören,
die Gewissen nicht zu erregen, die bona fides auch der Ungläubigen
zu schonen, auf Skrupel selbst in der Beicht nur gedrängt einzu-
gehen. Wie ablehnend war z. B. Ketteler gegen die Hahn-Hahn.
Nur zum Teil spielt da die Rücksicht auf die öffentliche Meinung
mit. Wenn Ihr Zingerl sagt, ihm liege nichts an der Bekehrung
des einen (Grafen oder) Gelehrten, so weiß ich wohl, daß Sie damit
absichtlich seinen tieferen Gedanken verkleiden, aber das Publikum
wird es wörtlich nehmen, besonders weil die Bekehrung
wirklich nicht gelingt. - Die Abneigung der Baronin gegen
die ehelichen Zärtlichkeiten ist nicht katholischer Typus, sondern eher
das Gegenteil. Selbst die keuscheste Nonne und der strengste Beicht-
vater werden sich über ein zärtliches Ehepaar freuen und es darin bestärken.