Kralik, Richard: Brief an Hermann Bahr. Wien, 18.4.1916
Glauben heißt, seine Befriedigung darin zu finden, in Mariazell vor der Kirche
in der Dämmerung, eine Kerze in der Hand, mit der Männerpro-
zession das „Großer Gott, wir loben dich“ zu singen, bis es draußen
ganz finster und die Kirche hell geworden ist. Glauben heißt,
die Zeit von einer Kommunion auf die andere nicht erwarten
können. Der wirkliche Glaube ist: Wissen, Wollen, Schauen, Tun.
Jedenfalls ist außer dem Philosophischen, dem Ethischen, dem
Sozialen auch etwas Ästhetisches dabei, denn auch das
gehört zum ganzen Menschen. „Das Wahre, Gute, Schöne
ist eine und dieselbe Sache in Gott,“ wie Pius X in einem
Brief an unseren Gralbund bestätigend geschrieben
hat. Aber ich bitte Sie, jeder Katholik hat eine andere
Methode des Glaubens; oder ist der Gott und die Kirche, an die
der Metaphysiker glaubt, ganz genau so wie das Bild, das sich
ein frommes Weiblein davon macht. Wie verschieden sind die
verschiedenen Orden, die verschiedenen Zeiten gewesen! Welche
Gewagtheiten bei den Scholastikern und Mystikern,
wogegen Spinoza und Schelling Waisenknaben sind!