Kralik, Richard: Brief an Hermann Bahr. Wien, 18.4.1916
IV
21. 4. 16 Indem ich das Geschriebene noch einmal durchlese,
sehe ich, daß ich gar nichts gesagt habe, und lasse mich verleiten,
meine Unzulänglichkeit durch eine Nachschrift noch zu vergrößern,
Also: Glauben heißt, aus sich selber glauben, trotz all dem, was ich oder
andere darüber irren können. Glauben ist Genialität, Inspiration,
Intuition, Können, Potenz, Kunst, der Sinn für das Wesen, wenn dieser
Sinn auch nicht immer gleich stark anhält. Glauben ist Erlebnis
und Erinnerung an ein Erlebnis. Glauben ist Wachsen. Glauben
ist an sein eigenes Glauben glauben, sich selber respektieren
in seiner höchsten Fähigkeit. Glauben ist aber auch Kultur-
mensch sein, wirklicher Grieche und menschlicher Mensch, nicht
bloßer Ästhet. Glaube ist aber auch Übung, Erwartung,
Konsequenz. So kommt mir vor, als ob ich nach Jahrzehnte
langem Glauben und Sichersein erst jetzt seit einem Jahr
eine Stufe des Gebets und der Kommunion erreicht hätte,
die mich erst recht zum Katholiken macht, und doch fühle
ich, daß ich bei aller Großsprecherei nicht den Millionsten Teil
der Glaubensfülle ausschöpfe. Glauben heißt auf das