Kosel, Hermann Clemens: Brief an Franz Karl Ginzkey. Wien, 4.10.1921
Atelier Kosel
Wien I., Aspernplatz 1
Wien
4. Oktober 1921.
Hochverehrter Herr Ginzkey!
Heut erhielt ich das „Ginzkeybüchlein”, das
allerliebst ausgestattet ist. Hohlbaum's
Arbeit ist geistvoll und in jeder Beziehung
durchdacht, sie wird dazu beitragen Ihren
Namen, Ihre Werke und Ihr Wesen verständ=
licher zu machen, aber das, was ich in Ihnen
erlebt habe und was mir der Kunstgenuß
Ihrer „letzten Sünde“ aus Ihnen erschlossen
hat, das fand ich nicht. Es ist bei einer
trockenen Niederschrift, die ja wohl mehr
als Propaganda und Würdigung gedacht ist,
auch nicht möglich. Hohlbaum müßte
aus Ihrem Wesen heraus eine Novelle schreiben,
so wie er in seinem: „Unsterbliche“ über Kleist
geschrieben hat. Ein tieferes Verstehen Ihrer
Seele ist nur in einem lebendigen Geschehen zu
erbringen. Ich habe fast alles, was über Dürer
geschrieben wurde studiert, daraus hätte ich
mir nur ein Umrißbild des Meisters constru=
ieren können, wenn mir nicht seine eigenen
Schriften, hauptsächlich die Trümmer, die