Kosel, Hermann Clemens: Brief an Franz Karl Ginzkey. Wien, 17.11.1926
SCHRIFTSTELLER
RAT HERM. CL. KOSEL
WIEN, AM 17. November 1926.
I., ASPERNPLATZ 1
TELEPHON 95-4-25
Hochverehrter Herr Ginzkey!
Es war nicht meine Absicht, Sie mit der Angelegenheit
meines Romanes zu belästigen. Herr. Dir. Nirenstein war
bei mir, wir sprachen über Waldmüller, nach dessen Bildern
er forscht und ich verriet ihm, daß ich einen Roman über
den Wiener Meister geschrieben habe, der meine Serie abschließt.
Er bat mich, Einblick ins Manuskript nehmen zu dürfen und
so kam es, daß er es gelesen, noch ehe ich es ganz vollendet
hatte. Er war der Meinung, es werde wieder bei Bong erscheinen
was ich damit widerlegte, weil Bong auf meine Anfrage ant=
wortete, seine Verlagswerke sind für Norddeutschland einge=
stellt, dort kenne niemand den Waldmüller und würde sich
keiner dafür interessieren. Das verdroß Herrn Nirenstein und
er war liebenswürdig mir zu sagen, er wolle sich bei Staackmann
für mich einsetzen. Daß er an Sie, lieber Herr Ginzkey ge=
schrieben hat, überrascht mich umso mehr, weil ich ihm damals
mitteilte, Sie hätten sich voriges Jahr so liebenswürdig für
mich bei Staackmann verwendet, was aber keinen Erfolg hatte,
weil Staackmann neue Autoren nicht mehr aufnehme.
Nun telephonierte mir Herr Direktor Nir[e]nstein gestern,
also am 16. November, er hätte an mich einen Brief von
Ihnen ) abzugeben, den er mir schicken wolle. Er teilte mir
mit, sich mit Ihnen ins Einvernehmen gesetzt zu haben wegen
meines „Waldmüller“, was mich sehr überraschte, weil ich es doch
nicht geahnt hatte, denn er hatte mir gesagt, er wäre mit
Staackmann bekannt.
Sie Armer! Was müssen Sie von mir gedacht haben? Und
daß ich durch Hintertüren bei Ihnen einbreche, wo ich doch
weiß, wie belästigt Sie werden! Glauben Sie mir, daß ich es
nie gewagt hätte, Sie zu drangsalieren.
) ich sehe, daß dieser mit 27. Oktober datiert ist.