Lanckoroński, Karl: Brief an Richard Weiskirchner. Wien, 15.3.1919
mangel. Der größte Schatz an Antiken, den Wien besitzt, die
herrlichen, in jüngster Zeit erworbenen großen Reliefs und andern
Skulpturen aus Ephesus sind zur Not provisorisch im unteren
Belvedere aufgestellt, und die kunsthistorisch äußerst wichtigen
Reliefs von Gjöl baschi, vor dreißig und mehr Jahren von einer
durch bedeutende Privatmittel ausgerüsteten Expedition, an deren
Spitze Professor Benndorf stand, aus kleinasiatischer Wildnis mit
unsäglichen Mühen hieher gebracht, befinden sich in einer Art
Verlies, in schlecht belichteten Kellerräumen des Hofmuseums, und
werden infolgedessen nur von einem kleinen Bruchteil der Museums-
besucher beachtet.
Die ägyptische Sammlung ist in letzter Zeit um uralte Skulpturen
von besonders hohem Werte und altem Schmuck bereichert worden,
die in einem auch wieder sehr schlecht belichteten Zimmer einer
besseren Aufstellung harren. Nimmt man hinzu, daß in den großen
Sälen, welche diesen Teil der Sammlungen beherbergen, besonders
aufdringliche Wanddekorationen sich breit machen, wird man ein
neues Obdach für die Antiken und die ägyptischen Altertümer als
eine dringende Angelegenheit empfinden. Da aber an den Bau
eines Skulpturenmuseums nach dem Beispiel der Münchner
Glyptothek z. B. an der unverbauten Stelle neben der Karlskirche,
da dieses dem Zweck entsprechende niedere Gebäude den Blick
auf die herrliche Kirche frei ließe, gegenwärtig kaum zu denken
ist, bleibt es einem Studium der vorhandenen Räumlichkeiten z. B.
in der neuen Burg vorbehalten, zu bestimmen, wo unsere Antiken
in Zukunft am besten wohnen könnten.
Die Waffensammlung aus Schloß Ambras ist gegenwärtig gut
aufgestellt, nur müßten mit der Zeit die Stücke, die keinen Kunstwert,
sondern bloß kulturhistorischen Wert haben, anderswo verwendet,
z. B. an das Heeresmuseum oder an das für Volkskunde abgegeben
werden. Als Hintergrund für die imposante Zahl von künstlerisch
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