Lanckoroński, Karl: Brief an Richard Weiskirchner. Wien, 15.3.1919
größtenteils von der künstlerischen Erbschaft König Ludwigs des
Ersten? Was bedeuten wirtschaftlich für Bayern Oberammergau
und Bayreuth? Soll Wien nicht zugrunde gehen, muß es seine
Museen und Bibliotheken nicht nur intakt erhalten, sondern noch
weiter ausgestalten, müssen die philharmonischen Konzerte auf
gleicher Höhe bleiben wie jetzt, müssen Burgtheater und Oper
als erstklassige Bühnen dastehen, müssen Sommerfestspiele in der
schönen Jahreszeit die Fremden anziehen. Ideelle Werte wandeln
sich in materielle und umgekehrt. Wie das Wasser, das sich in
Dünste wandelt, die dann wieder als Regen zur Erde fallen, setzt sich in allen fortgeschrittenen menschlichen Gemeinwesen Reichtum
in Kulturgüter um, die dann wieder Reichtum erzeugen. Damit ist
wohl auch der Einwurf widerlegt, daß der Staat im jetzigen Augen-
blick so von materiellen Sorgen in Atem gehalten ist, daß er sich mit
der Pflege von Kunst nicht befassen kann, und im Gegenteil die
dringende Notwendigkeit bewiesen, mit peinlichster Sorgfalt dar-
über zu wachen, daß von unseren ideellen Werten nicht nur so
wenig als möglich verloren gehe, sondern daß auch neue solche
Werte geschaffen werden, denn alle Kunstfragen sind nicht in letzter
Linie auch wirtschaftliche Fragen.