Lanckoroński, Karl: Brief an Richard Weiskirchner. Wien, 15.3.1919
anstalt Theresianum beherbergt. Sollte aus irgend einem Grunde
das Theresianum aufgehoben oder verlegt werden, müßte man
alles daran setzen, den Garten als öffentlichen Park zu erhalten
und den Riesenbau nicht abzureißen, sondern das geschichtlich so
wichtige Schloß für Staatszwecke zu erhalten.
Man kann es nicht genug betonen, daß der Wechsel in den
staatlichen Einrichtungen nicht die Vernachlässigung der Bauten
und Kunstwerke mit sich bringen darf, welche als Zeichen ver-
gangener Epochen zum Wesen dieses Landes und dieser Stadt ge-
hören. Das katholische Spanien ist stolz auf alles, was von der
arabischen, das arabische Ägypten auf das, was von der altägyp-
tischen Kultur übrig ist, wie das republikanische Frankreich auf das
Versailler Schloß, Schöpfung und Symbol des rücksichtslosesten aller
Despoten. Würde jemand aus finanziellen Gründen in Paris, in
Florenz oder Venedig anraten, staatliche Kunstwerke zu veräußern,
würde er von der ganzen Öffentlichkeit als Schädiger der Allge-
meinheit verfemt. Bei uns haben wiederholt, zum Glück nur ver-
einzelte Stimmen, sich vernehmen lassen, daß mit Rücksicht auf
unsere Valuta der Verkauf von Kunstwerken ins Ausland zu be-
grüßen wäre, und ich glaube sogar, daß in der argen finanziellen
Krise, in der wir stecken, gewisse Faktoren die Veräußerung be-
sonders wertvoller Stücke aus dem Kunstbesitze des Hofes, wenn
auch nur vorübergehend, erwogen haben. Demgegenüber ist zu
sagen, daß ein Staat, welcher so handelte, dem Kroaten in Wallen-
steins Lager gliche, der für ein kostbares Geschmeide eine Mütze
eintauscht. Ideale Werte sind keineswegs durch ihren Gegenwert
in Geld aufzuwiegen. Der Parthenon und die Peterskirche sind
mehr wert als die Millionen, welche sie gekostet haben, und Tizians
"Himmlische und irdische Liebe" zu bezahlen, wäre keine noch so
große Summe imstande. Was brachten Italien im Frieden seine
Kunstschätze durch den Fremdenverkehr ein? Lebt München nicht
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