Brixen, Sanatorium, am 2. August 1915
Lieber, hochverehrter Herr Kraus!
Ein sehr schweres Darmleiden, das ich mir im Felde
geholt, und welches mich seit fast vier Wochen unter furcht-
baren Schmerzen ans Bett fesselt, hat mich bis heute verhin-
dert, ihren lieben, so heiss empfundenen Brief zu beantworten
Ich diktiere diese Zeilen in die Maschine und bitte Sie im
Vorhinein um Vergebung , wenn das, was ich Ihnen sagen will,
vielleicht verschroben und verdreht ans Tageslicht kommt;
aber die Schmerzen, welche mich Tag und Nacht durchschauern,
und welchen nur öftere Morphiumeinspritzungen ihre grösste
Intensität benehmen können, hindern mich, so zu schreiben,
wie ich es möchte und wie Sie, mein bewunderter Vorkämpfer
für alles wahrhaft Gute und Vornehme auf dieser Welt, es
wohl verdienten. Bezüglich des Herrn von Ficker habe ich
mich sofort an die zuständige Stelle gewendet und hoffe ich
zuversichtlich auf eine Erleichterung seiner Lage. Ich muss
es selbstverständlich dem derzeitigen Vorgesetzten des
Herrn von Ficker überlassen, welcher Art die Erleichterungen
sind, die er diesem, mir persönlich wohl nicht bekannten,
aber sicherlich prachtvollen Menschenkinde zubilligen wird:
die Auswahl ist da leider nicht gross; er müsste entweder
ins Feld, oder, falls der Zeitpunkt hiefür noch nicht gekom-
men wäre, irgend welche Kanzleiarbeiten verrichten, die aber
Lieber, hochverehrter Herr Kraus!
Ein sehr schweres Darmleiden, das ich mir im Felde
geholt, und welches mich seit fast vier Wochen unter furcht-
baren Schmerzen ans Bett fesselt, hat mich bis heute verhin-
dert, ihren lieben, so heiss empfundenen Brief zu beantworten
Ich diktiere diese Zeilen in die Maschine und bitte Sie im
Vorhinein um Vergebung , wenn das, was ich Ihnen sagen will,
vielleicht verschroben und verdreht ans Tageslicht kommt;
aber die Schmerzen, welche mich Tag und Nacht durchschauern,
und welchen nur öftere Morphiumeinspritzungen ihre grösste
Intensität benehmen können, hindern mich, so zu schreiben,
wie ich es möchte und wie Sie, mein bewunderter Vorkämpfer
für alles wahrhaft Gute und Vornehme auf dieser Welt, es
wohl verdienten. Bezüglich des Herrn von Ficker habe ich
mich sofort an die zuständige Stelle gewendet und hoffe ich
zuversichtlich auf eine Erleichterung seiner Lage. Ich muss
es selbstverständlich dem derzeitigen Vorgesetzten des
Herrn von Ficker überlassen, welcher Art die Erleichterungen
sind, die er diesem, mir persönlich wohl nicht bekannten,
aber sicherlich prachtvollen Menschenkinde zubilligen wird:
die Auswahl ist da leider nicht gross; er müsste entweder
ins Feld, oder, falls der Zeitpunkt hiefür noch nicht gekom-
men wäre, irgend welche Kanzleiarbeiten verrichten, die aber