Levetzow, Karl Michael von: Brief an Wilhelm Kienzl. Wien, 18.10.1919
festgegründeter, gesunder Sentimentalität mit südlicher, tänzerischen Leichtigkeit -
die ich wohl wie Till im Ranzen von der Mittelmeerküste heimbrachte - zu
einer wirklichen fröhlichen Wissenschaft zu vereinen, zu singender,
klingender, tanzender und dennoch im Tanzen spielend lehrender, hinaufreissender
„gaia scienza”!
Ich bin anderseits unverfroren genug zu meinen, dass kaum je ein denkbares
Buch Ihnen nun, auf der Höhe Ihres Schaffens, Gelegenheit bieten könnte,
so alle Seiten Ihres grossen Könnens, wollens und Träumens, so alle Melodien
Ihres inneren, seelischen Kontrapunkts, Ihrer eigensten menschlichen und
künstlerischen polyphonie zum gedrängtesten, vollsten, klassischesten Ausdruck
zu bringen. Ich will, dass diser Till Ihr eigentlichstes Gipfelwerk werde!
Erlauben Sie mir, dem Vieljüngeren und vor allem viel unberühmteren, aber
doch auch in ernstester künstlerischer Arbeit schon Ergrautem, Ihnen dies
zu sagen: Eine solche Gelegenheit ist im Leben des Künstlers immer selten;
man soll sie nicht versäumen!.
Verzeihen Sie meine Freimut, hochverehrter Herr Doktor, und fassen Sie sie
nicht anders auf, als sie gemeint ist.
In der Hoffnung Sie bald froh und von Sorgen befreit wieder=
zusehn
Ihr aufrichtig ergebener
KarlMLevetzow
P.S. Ich erlaube mir, meine für Wien nun ständige Adresse nebst Telephonnummer
beizulegen. Falls ich auf Tage abwesend wäre, wissen meine Freunde v. Herz-Hertenried bei dem ich wohne
immer Auskunft und geben sie gerne.