Madjera, Wolfgang: Brief an das Präsidium der Deutschösterreichischen Schriftstellergemeinschaft. Wien, 1.3.1922
Wien, 1. März 1922.
Verehrliches
Praesidium der „Deutschösterreichischen Schriftstellergenossenschaft“!
Infolge des fortgesetzten wirtschaftlichen Druckes, der
auf mir und meiner Familie lastet, bin ich genötigt, im Sinne
der in den Blättern veröffentlichten Bestimmungen an das löbliche
Präsidium die Bitte zu richten, es wolle mir eine Zuwendung aus der
amerikanischen 200 000 Dollar : Spende erwirken.
Sämtliche Voraussetzungen, an die die Gewährung einer
solchen Begünstigung gebunden ist, treffen bei mir zu:
Ich bin ein geistig Schaffender, der „Keinen richtigen Absatz
für seine Geistesprodukte findet.“ Beweis dessen, daß es mir unmöglich
ist, die Aufführung dreier dichterisch hochwertiger Dramen zu erwirken,
obwohl ich meine dramatische Befähigung bereits durch vier in früheren
Jahren aufgeführte Theaterstücke erwiesen habe, und daß ein großes,
zeitgemäßes Weltanschauungs=Buch seit mehr als Jahr und Tag in
der Lade liegen muß, weil sich die Verleger angesichts der hohen
Druckkosten zu seiner Annahme nicht entschließen können.
Ich bin „Altpensionist“ der Gemeinde Wien und habe als
verheirateter Mann mit fünf derzeit noch unversorgten Kindern
noch im Dezember einen Ruhegehalt von nicht mehr als 36.000 K
bezogen, der sich für März auf 114 000 K erhöht hat - eine Sum=
me, die bei der herrschenden unerhörten Teuerung ganz und gar un-
zulänglich ist.
In Anbetracht dieser Umstände gehöre ich auch zu denen,
„deren Einkommen im Mißverhältnis zur Zahl der zu erhaltenden