gleich vollendet wie die Musik erscheint. Und dieses Wunderwerk hält sich auf
keiner Bühne! Als im vorigen Jahr Bruno Walter in Berlin die Oper mit
Glanz und Erfolg herausbrachte, schrieb mir August Halm (am 20. Feb. 28) von
dort: „Vorgestern hörten wir, meine Frau und ich, den alten lieben, aber keines=
wegs gealterten, vielmehr wie am ersten Tag herrlichen Corregidor. Bruno Walter
hat ihn mit größter Liebe einstudiert und dirigiert. Wärmste Aufnahme! Die
Aufführung stand ganz gewiß einige Turmhöhen über der Mannheimer Premi-
ère. Ob H. Wolf überhaupt ein so gutes Bild seines Meisterwerks vorgestellt be-
kommen hat?” Nun ist auch (im Januar d. J.) der gute Halm als Sechzigjähriger
heimgegangen, der sich oft genug mit mir über die unvergleichlichen Eindrücke des
Zusammenseins mit Wolf unterhielt, er selbst der originellste Musikästhetiker,
den Deutschland seit lange gesehen hat. Über mein Verhältnis zu H. Wolf äußerte
sich einer der geistreichsten Stuttgarter Literaten, Dr. Herman Hefele, anläßlich eines
Wolfliederabends, den ich teilweise begleitete und leitete, in einem kurzen Mer-
kurartikel, den ich beilege.
Daraus entnehmen Sie zugleich einiges über meine Lebensschicksale. Sie wissen vielleicht
noch nicht, daß ich an Pfingsten 1924 meine heißgeliebte Frau verloren habe. Was sie
mir in 38 Jahren gewesen ist, faßte mein Bruder, der bekannte Psychiater, dahin
zusammen, daß er sie als „Neuronike”, dh. Nervenbesiegerin bezeichnete; sie war eine
echte Künstlernatur auf jedem Gebiet, sei es Malerei, Poesie, Musik. Die ärztliche Dia-
gnose, die auf Gebärmutterkrebs lautete, zwang zu einer Operation: sie erwachte nicht
mehr aus der Narkose. Ich stand wie vernichtet und erlag in meiner Einsamkeit
fast dem Heimweh u. der Sehnsucht. Ich zog als Pensionär 1926 nach Ludwigsburg zu
meiner 2. Tochter, die als Kriegswitwe sich wieder vermählt hatte. Ein gnädiges Geschick
heilte auch meine schwerste Wunde: es schenkte mir dem 68jährigen eine fast jugend-
liche Frau, Clara Nestle, eine von Max Pauer geschulte Pianistin, die lange am Stutt-
garter Konservatorium lehrte u. noch jetzt teilweise ihrem Berufe lebt. Unser Zusammen-
spiel am Flügel nennen Sachverständige ideal, weil sich eine streng geschulte Künst-
lerin mit einem impulsiv-sanguinischen Dilettanten verbindet: wie gerne
möchten wir Ihnen eine Brucknersymphonie, ein Mozartquartett, Wolfs italien.
Serenade oder Penthesilea vorspielen! Eine Liebhaberaufnahme am Flügel lege ich bei,
damit Sie ungefähr eine Ahnung bekommen, wenn auch die Züge wenig ausgeprägt sind.
Die intimste Freundin meiner Clär ist Frl. Marie Breit, die Überbringerin dieses
Briefs: sie mag Ihnen von unserem Glück erzählen.
Am 26. April 29 konnte ich im Kreis meiner 5 Kinder w. 5 Enkel meinen 70. Geburts-
tag feiern. Nicht aus Eitelkeit, sondern damit Sie das Echo dieser Feier in der Öffentlich-
keit vernehmen, lege ich Ihnen einen Merkurausschnitt bei. Die Teilnahme meiner
zahllosen Schüler, sowie meiner Mitarbeiter in der Papyrusforschung überstieg alle
Erwartungen: über 150 Zuschriften u. Telegramme (zum Teil aus Amerika), darunter
über 20 Papyrologen w. gelehrte Gesellschaftenˣ), trafen ein. Der 3. abschließende Teil meiner
Papyrusgrammatik ist mein tägliches Brot.
Doch genug! Ich komme ins senile Plaudern; aber wessen das Herz voll ist?...
Verzeihen Sie mir meine Makrologie u. bleiben Sie darum nicht weniger gewogen
Ihren, Sie herzlich verehrenden, auch Ihren Mann aufs freundlichste grüßenden
Edwin & Clara Mayser.
Darf ich Sie bitten, mir die beiden Merkurausschnitte, die ich nicht mehr besitze, gelegentlich
zurückzuschicken; die beiden Gelegenheitsaufnahmen (eine leider nicht fixiert) bitte ich
zu behalten.
ˣ) auch Prof. Ludw. Radermacher von Wien war darunter.
keiner Bühne! Als im vorigen Jahr Bruno Walter in Berlin die Oper mit
Glanz und Erfolg herausbrachte, schrieb mir August Halm (am 20. Feb. 28) von
dort: „Vorgestern hörten wir, meine Frau und ich, den alten lieben, aber keines=
wegs gealterten, vielmehr wie am ersten Tag herrlichen Corregidor. Bruno Walter
hat ihn mit größter Liebe einstudiert und dirigiert. Wärmste Aufnahme! Die
Aufführung stand ganz gewiß einige Turmhöhen über der Mannheimer Premi-
ère. Ob H. Wolf überhaupt ein so gutes Bild seines Meisterwerks vorgestellt be-
kommen hat?” Nun ist auch (im Januar d. J.) der gute Halm als Sechzigjähriger
heimgegangen, der sich oft genug mit mir über die unvergleichlichen Eindrücke des
Zusammenseins mit Wolf unterhielt, er selbst der originellste Musikästhetiker,
den Deutschland seit lange gesehen hat. Über mein Verhältnis zu H. Wolf äußerte
sich einer der geistreichsten Stuttgarter Literaten, Dr. Herman Hefele, anläßlich eines
Wolfliederabends, den ich teilweise begleitete und leitete, in einem kurzen Mer-
kurartikel, den ich beilege.
Daraus entnehmen Sie zugleich einiges über meine Lebensschicksale. Sie wissen vielleicht
noch nicht, daß ich an Pfingsten 1924 meine heißgeliebte Frau verloren habe. Was sie
mir in 38 Jahren gewesen ist, faßte mein Bruder, der bekannte Psychiater, dahin
zusammen, daß er sie als „Neuronike”, dh. Nervenbesiegerin bezeichnete; sie war eine
echte Künstlernatur auf jedem Gebiet, sei es Malerei, Poesie, Musik. Die ärztliche Dia-
gnose, die auf Gebärmutterkrebs lautete, zwang zu einer Operation: sie erwachte nicht
mehr aus der Narkose. Ich stand wie vernichtet und erlag in meiner Einsamkeit
fast dem Heimweh u. der Sehnsucht. Ich zog als Pensionär 1926 nach Ludwigsburg zu
meiner 2. Tochter, die als Kriegswitwe sich wieder vermählt hatte. Ein gnädiges Geschick
heilte auch meine schwerste Wunde: es schenkte mir dem 68jährigen eine fast jugend-
liche Frau, Clara Nestle, eine von Max Pauer geschulte Pianistin, die lange am Stutt-
garter Konservatorium lehrte u. noch jetzt teilweise ihrem Berufe lebt. Unser Zusammen-
spiel am Flügel nennen Sachverständige ideal, weil sich eine streng geschulte Künst-
lerin mit einem impulsiv-sanguinischen Dilettanten verbindet: wie gerne
möchten wir Ihnen eine Brucknersymphonie, ein Mozartquartett, Wolfs italien.
Serenade oder Penthesilea vorspielen! Eine Liebhaberaufnahme am Flügel lege ich bei,
damit Sie ungefähr eine Ahnung bekommen, wenn auch die Züge wenig ausgeprägt sind.
Die intimste Freundin meiner Clär ist Frl. Marie Breit, die Überbringerin dieses
Briefs: sie mag Ihnen von unserem Glück erzählen.
Am 26. April 29 konnte ich im Kreis meiner 5 Kinder w. 5 Enkel meinen 70. Geburts-
tag feiern. Nicht aus Eitelkeit, sondern damit Sie das Echo dieser Feier in der Öffentlich-
keit vernehmen, lege ich Ihnen einen Merkurausschnitt bei. Die Teilnahme meiner
zahllosen Schüler, sowie meiner Mitarbeiter in der Papyrusforschung überstieg alle
Erwartungen: über 150 Zuschriften u. Telegramme (zum Teil aus Amerika), darunter
über 20 Papyrologen w. gelehrte Gesellschaftenˣ), trafen ein. Der 3. abschließende Teil meiner
Papyrusgrammatik ist mein tägliches Brot.
Doch genug! Ich komme ins senile Plaudern; aber wessen das Herz voll ist?...
Verzeihen Sie mir meine Makrologie u. bleiben Sie darum nicht weniger gewogen
Ihren, Sie herzlich verehrenden, auch Ihren Mann aufs freundlichste grüßenden
Edwin & Clara Mayser.
Darf ich Sie bitten, mir die beiden Merkurausschnitte, die ich nicht mehr besitze, gelegentlich
zurückzuschicken; die beiden Gelegenheitsaufnahmen (eine leider nicht fixiert) bitte ich
zu behalten.
ˣ) auch Prof. Ludw. Radermacher von Wien war darunter.