Mikorey, Franz: Brief an Max von Millenkovich-Morold. München, 27.6.1933
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PROFESSOR
FRANZ MIKOREY
MÜNCHEN
POSSARTSTR. 37
TEL. 480250
27.6.33.
Lieber, hochverehrter Freund!
Dein sprechend wirkendes Bild ist also wohlbehalten ein-
getroffen, es steht vorderhand auf meinem Arbeitsklavier; blos
weiss ich noch nicht, was ich mit dem einen Wörtlein „genial” machen
soll, damit es niemand zu Gesicht kommt, bevor ich selbst von dieser
Welt geschieden bin. So lange es keiner sieht, macht es mich
stolz, das Wörtlein, weil es aus Deinem Munde kommt. Enthüllte
ich es aber vor anderen, dann sähe es doch aus, als wollte ich mich brüsten
damit.. aber ich weiß schon, was ich machen werde...
Und nun, lieber Freund, ein offenes Wort, von mir, dem Menschen
u. Musiker, zu Dir, dem Menschen und Dichter, also: von Seele zu Seele:
Es ist nicht Sonne in mir, aber Düsteres, und was ich anlässlich meines 60.
in der Deutschen Presse über mich las, fügt auch noch ein Gefühl der Ver-
bitterung hinzu: Ich habe, vor der roten Revolution eine[s/r?] der gesuchtesten
Dirigenten, die 14 Jahre nach dieser Revolution, von denen ich fünf volle Jahre
in einer Art künstlerischer Verbannung im Ausland gewirkt habe, mit
Zähigkeit und nicht ohne Resultate meinen künstlerischen Namen
mannigfaltigen, im Grunde politischen Widerständen gegenüber, jedenfalls durch-
gehalten bis in die jetzige neue, Deutsche Zeit. Jetzt aber lese ich
Schmeichelhaftestes an Anerkennung sowohl über meine „unerschütterlich
nationale” Gesinnung, über mich als Dirigent und als Componist, ohne daß es
mir bis jetzt gelungen wäre, auch nur meinen „Deutschen feierlichen Marsch”
zur Aufführung durchzusetzen, der vor etwa 4 Jahren auf der Magdeburger
Theaterausstellung ein tausendköpfiges Publikum zum Mitsingen des
„Deutschlandliedes” veranlasst hat, wodurch ich mir die schwersten Vorwürfe