Moenius, Georg: Brief an Karl Kraus. München, 17.8.1929
[in rot am Rand, auf die 7. und 6. Zeile von unten verweisend:] !!
negativ stehen, sich, unter Verzicht auf das, was man epische
Komposition nennt, in unmittelbare Nähe eines der glän=
zendsten französischen Stilisten, nämlich Stendhals gestellt.
Auf Bahr paßt wörtlich, was Paul Valery als Stendhalsche
Art umreißt: „Lebendig sein, auf jede Gefahr hin; schreiben,
wie man spricht, wenn man ein Mann von Geist ist, mit
sogar dunklen Anspielungen, plötzlichen Einschnitten, Sprün=
gen und Einschaltungen; schreiben fast, wie man unterein=
ander spricht; die Haltung einer freien, heiteren Konversation
bewahren; manchmal bis zum nackten Monolog vorstoßen,
immer und überall den poetischen Stil fliehen und spüren
lassen, daß man ihn flieht“. Darum hat es auch seinen tie=
feren Sinn, daß das dem Buche vorangestellte Motto aus
Stendhals berühmtem Roman „Rouge et Noir“ stammt. Wie
man es als die Tendenz Stendhalschen Wesens und Ge=
staltens formulieren kann, daß er aus der ihm eigenen po=
laren Spannung zwischen Vernunft und Leidenschaft das
Leben nicht so sehr in seinen stofflichen Wirkungen, in den
objektiven Ereignissen oder Handlungen, sondern in den
energischen Ursachen, in Leidenschaften und Gedanken sieht,
so ist auch dieser neue Roman Bahrs eine psychologische
Analyse von Leidenschaften und Energien. Und vielleicht
das Überraschendste an diesem Roman, stellt man ihn einmal
in Vergleich zu dem ebenfalls in einem Provinzstädtchen
spielenden Stendhalschen „Rouge et Noir“, ist die Erkennt=
nis, daß die Gesellschaft und das geistige Gesicht jenes pro=
vinziellen Frankreich um 1829 in seiner sozialen und psy=
chologischen Situation, in seiner Bedürftigkeit nach einer
skeptisch=ironischen Führung die gleichen problematischen
Züge trägt, wie dieses provinzielle Österreich des Jahres 1929.
Einen seinem Zeitalter und allen seinen Lebensäußerungen
so tief verbundenen Dichter wie Hermann Bahr, auch hierin
Stendhal ebenbürtig, mußte es naturgemäß reizen, diesen
problematischen Zügen nun einmal offen ins Gesicht zu sehen,
soweit wenigstens das staatliche und volkliche Eigenleben
seines österreichischen Vaterlandes in Frage gestellt erscheint.
Daß er dabei die Lösung im Anschluß Österreichs an Bayern=
Wittelsbach, statt an Deutschland als solchem, sieht und über=
dies für die Führerpersönlichkeit Hitlers eintritt, ist nur die
folgerichtige Anwendung seines Glaubens an die elementaren
Kräfte des Stammes, den er mit Josef Nadler teilt, und den
er hier aus der Tatsache der Stammesverwandtschaft Bayern=
Österreich und seiner eigenen wesenhaften Katholizität in
politische und kulturelle Forderungen überführt.