Muck, Karl: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 6.9.1925
2.
die Letzte aus der alten glücklichen Zeit dahingegangen. Nichts ist mir mehr geblieben als
die Gruft. Und geblieben ist mir noch die Sorge für meine Nichte, die Tochter meiner Schwägerin
Fritzi. Sie lebte seit dem Tode ihrer Mutter bei der Grossmutter. Die Wohnung am Karl-Ludwig-
Ring, die meine Schwiegereltern seit 36 Jahren bewohnten, war in den letzten Jahren durch
Zwangs-Massregeln auf 2 Zimmer, 1 Kammer u. Küche beschränkt worden. Und auch aus
diesen Räumen hat das „Wohnungs-Amt” im Mai meine Nichte vertrieben. Eine andere
Wohnung in Graz war in der Eile nicht zu finden (die Hinauswurf-Ordre pro 1. Mai war
am 15. April erfolgt!); so kamen die Möbel in einen Speicher, und Lia haust in Tobel-
bad. Es ist natürllich ganz ausgeschlossen, dass sie im Winter dort bleiben kann.
Nun bin ich also auf der Wohnungs-Jagd.
Im Uebrigen habe ich diesen grotesken „Unfug des Lebens” allmälig herzlich
satt. Seit dem Tag meiner Verhaftung, 25. März 1918, habe ich nicht mehr in einem
eigenen Bett geschlafen; ewig Hôtel, Eisenbahn, möblirte Wohnung, Koffer aus- und ein-
packen; immer nur bezahlte Menschen um mich. Von der grenzenlosen Vereinsamung seit
Anita's Tod, die mir treueste, sorglichste Frau, bester Freund, tapferster Kamerad war, will
ich nicht reden - Du hast Anita ja gekannt. Seit Anita, nach dreimonatlichem
furchtbaren Todeskampf (sie starb so schwer! Noch ihre letzten Worte, bevor Bewusstlosigkeit
sie in die Ewigkeit geleitete, waren ein heisses Flehen, dass Gott uns nicht trennen möge -)
mich allein gelassen hat, habe ich ununterbrochen durchgeabeitet, Winter und Sommer; nur
um keine Zeit zum Grübeln und Spintisiren zu haben; heute Kopenhagen, morgen Turin;
heute Madrid, morgen Amsterdam. Das geht nun so seit 4 ½ Jahren; und allmälig
spüre ich jetzt, dass die alten Knochen das Rennen nicht mehr durchhalten können.
Das wäre ja sehr zu begrüssen. Aber ich habe zwei grosse Vermögen verloren. Ein
sehr ansehnliches Vermögen liess ich im Depôt der Deutschen Bank in Berlin, als wir
1912 nach Boston übersiedelten: es ist den Weg aller „mündelsicheren” deutschen Staats-
Papiere gegangen. Und ein zweites, wirklich grosses Vermögen in Boston hat die ameri-
kanische Regierung confiscirt. Zudem hat das socialdemokratische preuss. Finanz-Ministerium
mir meine, durch 20 Dienstjahre erworbene und contractlich verbriefte Berliner Pension