Naaff, Anton Franz August: Brief an Max von Millenkovich-Morold. Wien, 3.12.1916
auf Schleichwegen u. mit größerem Geldaufwande!
Mir aber wurde es gehindert, daß Freunde u. Ver=
wandte etwas von ihren Vorräten sendeten!
Nicht einmal 2 Säcke Erdäpfel ließ man durch.
Und hier bekommen wir nach stundenlangem
„Anstellen” nur wenig Kilo je Woche, manchen Tag
gar nichts. So geht es Hunderten, die leer heimgehen
müssen wenn der zu kleine Verkaufs=Vorrat erschöpft ist!
Voriges Jahr bezog ich 150 Kilo Erdäpfel von der
Stadt Wien. Heuer ist Alles gesperrt! Ja, was soll
man nun eigentlich essen? Zu wenig Brot u. Mehl,
Fleisch überteuer u. 3 fleischlose Tage! - u. zu
allem auch noch die Erdäpfel=Not! Früher bezog ich
Yogurth=Milch von der Wiener Molkerei zur Kur.
Wurde auch verboten u. eingestellt!! So fehlt auch
das noch! Soll ich wie die Faust=Gesellschaft an
Auerbachs Keller den Tisch melken? Man weiß
sich schon keinen Rat, keine Hilfe mehr!
So geht es mir wieder schlimm genug. Alles
überteuer u. selbst fürs Geld oft nichts zu haben!
Ich war doch 1914 noch so lebensstark - aber
der vorige Not= u. Sorgen=Winter hat wie bei
vielen Anderen auch meine Gesundheit zermürbt,
sodaß ich nun auch zu den Kriegsverletzten gehöre.
Meine älteren Freunde gehen alle der Reihe nach
schlafen u. verlassen diese Kriegs=Hölle. In Friedens=
Zeiten hätten sie noch manches Jahr Stand gehalten!
So zehrt auch der Trauerschmerz am Leben . . . .