Niemann, Gottfried: Brief an Adalbert Franz Seligmann. 29.5.1926
Z. Zt. Ostseebad Wustrow (Mecklenburg)
29. 5. 26.
Hochverehrter Herr Professor!
Ihr Goethe-Schiller-Briefwechsel hat die Erwartungen mit de=
nen ich vorn herein an ein Buch von Ihnen heranging, womög=
lich noch übertroffen. Wenn man auf dem gleichen Standpunkt
steht, so kommen einem all Ihre Betrachtungen so selbver=
ständlich vor, als müsste jeder Einzelne, wenn er nur einmal
darauf hingewiesen worden, unbedingt der gleichen Meinung
sein. Man fragt sich immer wieder: ist die Welt denn blind?
Sieht sie denn nicht, dass sie von geschäftstüchtigen Schwätzern
von früh bis spät an der Nase herumgeführt wird? Ist denn
jede selbständige Urteilskraft erloschen? - Sie ist es, glaube
ich, in der Tat. Einen der Gründe dafür führen Sie auch ganz in
meinem Sinne an: das viele Zeitungslesen ist der Beginn des
Ruins gewesen. Es folgten die illustrierten Blätter, Kino, Grammophon
und zuletzt als Gipfel das Radio. Ich meinesteils nähre nun
im Geheimen einen festen Glauben, den ich Ihnen doch verraten
möchte, wenn er Ihnen auch vielleicht ungereimt vorkommt:
den Glauben nämlich, dass unsere ganze Kultur mit allen ihren
„Errungenschaften“ in 50, längstens 100 Jahren wegrasiert
sein wird. Ob von aussen, durch äusseren Zusammenbruch,
oder von innen durch eine völlige geistig-seelische Um=