Niemann, Gottfried: Brief an Adalbert Franz Seligmann. 29.5.1926
wälzung und Widergeburt, ähnlich wie es das Christentum für die
antike Welt war, ist eine Frage für sich.
Indessen will ich nicht wieder von meinen Ansichten reden
(denn die Hervorkehrung der eigenen Wichtigkeit ist am Menschen
die unsympathischeste Eigenschaft), sondern nur noch sagen,
dass auch Ton und Stil in dem Briefwechsel geradezu täuschend,
bis zur völligen Illusion gelungen sind, so dass man sich
immer erst überlegen muss: sagt das nun Goethe oder sind
wirklich Sie es, der es sagt? - Ich habe mir einzelne wun=
derbare Stellen angestrichen, die ich in meinem Kreise zum bes=
ten geben will wie ich überhaupt unter den denkenden Men=
schen dem Buch viele Anhänger zu gewinnen hoffe. Der Satz,
dass die geistig Grossen + Vortrefflichen der verschiedenen Na=
tionen unter sich viel enger zusammenhängen als mit
den niederen Individuen ihres eigenen Volkes, ist mir
aus der Seele gesprochen; nicht minder die grossartig treffende
Form, in der Sie über die Unart sprechen, dass die neueren
Dichter und Geisteshelden ihren Mitmenschen mit Vorliebe
mit Aeusserungen über ihre animalischen Triebe zu
belästigen pflegen usw. usw. - Ich könnte 100 Stellen an=
führen! - Lassen Sie es damit genug sein und nehmen
Sie noch einmal, hochverehrter Herr Professor, meinen
aufrichtigsten Dank und die Versicherung entgegen, dass
ich mit grösster Freude aus Ihren Büchern einen Geist kennen
gelernt habe, der hoch über fast allem steht, was sich heute
als Geist breit macht. - Frau Lilli Lehmann habe ich bereits
Ihre Grüsse übermittelt. - Mit dem Ausdruck der ausgezeichnetsten
Hochachtung + den ergebensten Grüssen bin ich Ihr GNiemann.