Poller, Alphons: Brief an Adalbert Franz. Wien, 20.10.1920
DOZENT DR. MED. ALPHONS POLLER
VORSTAND DES INSTITUTES FÜR DARSTELLENDE
MEDIZIN DER UNIVERSITÄT WIEN
XVIII. Währingerstrasse 115/23
Fernruf 18.194.
Wien,20. Oktober 1920.
Sehr geehrter Herr Professor !
Ich danke Ihnen sehr für die liebenswürdige Erwähnung
meiner Arbeit in Ihren letzten Aufsätzen, die mir wie alle Ihre
kritischen Betrachtungen ausgezeichnet gefallen haben. Es ist ein gros-
ses Glück, dass in dieser verworrenen Zeit gerade auf der weithin
sichtbaren Tribüne eines Blattes, wie der der " Neuen Freien Presse"
ein so klar denkender Sprecher zu Worte kommt. Es könnte ja leicht
anders sein und die Verwirrung dadurch um ein Erhebliches gefördert
werden. Es wäre mir ein grosses Vergnügen, einmal Ihre persönliche
Bekanntschaft zu machen. Über den Punkt, in dem Sie nicht mit mir
übereinstimmen , habe ich in einer Arbeit, die ich eben unter der Feder
habe , einige Worte geschrieben. Es läuft im Wesentlichen auf Folgen-
des hinaus: Auch ich bin natürlich der Meinung, dass sich das Neue
organisch aus dem Alten entwickeln müsse. Dieses Gesetz gilt aber offen -
bar nur so lange, bis ein Organismus fertig gebildet ist.Dann hat
er alle Stadien seiner Entwicklung von der Geburt über die Reife
bis zum Tode durchlaufen und er enthält keine Möglichkeiten zu einer
kontinuierlichen Weiterbildung mehr in sich. Das neue Leben kann dann nur
aus der „Revolution“ des Todes und der Geburt entstehen. Dann ist also
der Fortschritt nur unter der Bedingung einer gewissen Kontinuitäts-
trennung möglich. Der neue Organismus übernimmt nicht die ganze
Erbmasse des Alten, sondern nur das Erbe des Keimplasmas . Nun bin
ich ernstlich der Meinung, dass die verflossene Kunst alle Stufen