Poller, Alphons: Brief an Adalbert Franz. Wien, 20.10.1920
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von der Blüte bis zur Frucht hinangeschritten ist und dass sie damit ihrer
organischen kontinuierlichen Weiterentwicklung selbst ein Ende gesetzt
hat. Sie hat uns alles geboten, was sie nach den in ihr liegenden
organischen Moeglichkeiten bieten konnte. Nun soll, wenn nicht alles
trügt, ein neues Werden und Leben anfangen. Wir stehen eben mitten in
der Phase zwischen dem Tode des Alten und der Geburt des Neuen; daher
sehen wir nichts vor Augen und daher auch die scheinbare Unterbrechung
der Kontinuität. Sie ist aber wirklich nur scheinbar, denn eben jetzt
vollzieht sich , unseren neugierig forschenden Augen noch verborgen,
jenes Mysterium der geheimnisvollen Zeugung und Keimgestaltung,
das allem neuen Leben vorangeht und mit dem vollendeten Leben in un-
trennbarem Zusammenhang steht. Noch bietet uns die neue Kunst nichts,
da alle Wunder ihrer späteren Entfaltung heute noch im Embryo eingeschlos-
sen sind. Das Gesetz von der organischen Entwicklung ist also richtig
bis auf einen einzigen Fall. Es gilt nämlich dann nicht mehr, wenn eine
organische Entwicklung an ihrem Ende angelangt ist. Dieser Fall ist
meines Erachtens jetzt eingetreten. Wenn ich keinen anderen Beweis dafür
hätte, dann wären mir die tausendfältigen Anzeichen des Todes , des
Zerfalles , der Zersetzung, des Vermorschens und Vermoderns ein Signal
dafür , dass hier wirklich ein Leben zu Ende gegangen ist. Der stürmische
wild unklare Drang des erwachenden Neuen sind mir ein zweiter Beweis da-
für, dass das Junge unter Geburtswehen an das Licht drängt. Haben wir
also Geduld und wundern wir uns nicht, dass wir noch nicht einmal ahnen
können, was da kommen soll. Die Zeit ist erst schwanger und nie konnte
man während der Schwangerschaft schon die Eigenschaften des kommenden
Wesens voraussehen.