Rilke, Rainer Maria: Brief an Franz Karl Ginzkey. München, 16.11.1916
jüngsten Kunst=Ausdruckes zu sehen waren, den wir
einige Mal zwischen uns lebhaft erörtert haben. Es
war hier gerade in den letzten Monaten mancher
Anlass, sich zu prüfen, wie weit man in der Theilneh=
mung an diesen äußersten Versuchen gehen wolle. Die
neue Sezession hat mit der Nachlass=Ausstellung von
Franz Marc überzeugt und erschüttert; denn da stand
man einer konsequenten Aussprache gegenüber, die sich
thatsächlich zum Werk geschlossen hatte, zu einer relativen
Vollzähligkeit des Erlebens, wie sie in der Darstellung
der Jüngsten noch nicht erreicht worden war. So massig
und zahlreich z. B. Däubler auch auftritt, er hat im
Gedicht ein ähnlich Vollständiges doch nicht hervorgebracht.
Genug. Ich bitte Sie nur noch, Grüße an Stefan Zweig
zu sagen, der, wie ich zu meiner Freude hörte, Muße und
Freudigkeit gefunden hat, eine neue Arbeit abzuschließen
und auch sonst Grüße auszutheilen, unter der Bedingung,
dass Sie einige der herzlichsten dieses Briefes für sich
selbst in Anspruch nehmen.
Ihr
aufrichtig ergebener
R.M. Rilke