Rosegger, Peter: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 21.2.1917
Nahrung fand, da konnte sich die Neigung
nicht vertiefen. Nicht, als ob ich immer
bereit gewesen wäre, mit allen Opfern
ihr Leid zu stillen, zu solcher Höhe konnte
ich mich (unter Ausnahme für Weib und
Kind) nicht sehr oft emporschwingen.
Die Liebe zur Menschheit endlich spürte ich
nur in einem allgemeinen, oft recht
billigen Wohlwollen, erst das Leid
des Einzelnen erinnert mich, daß ich auch
ein Mensch bin.
Und vollends dieses beispiellose Welter=
eignis jetzt will in mir eine völlige
Scheidung vollziehen; die Menschheit ist
hassenswert, aber der Einzelne er=
barmt mir. Wenn das die Ideale
der Menschheit sind, um die jetzt Millonen
Unschuldiger ihr Leben lassen müssen,
dann sind wir fertig, dann ist mir
heute der Weltuntergang lieber als
morgen. Aber - gottlob, so scheint
es nur, so ist es nicht. Alle, die da
willig sterben, sie „sterben für's Vater=
land“, u. wer solcher Selbstopfer
fähig ist, der bringt sie gelegentlich
auch für die höchsten Dinge. - Und
dann wird mir klar, was jetzt geschieht:
das ist eine Krankheit, ein
Wahnsinnsanfall, an dem wir