Rosegger, Peter: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 21.2.1917
alle vermöge unserer Vergangenheit
Mitursache sind. Und so ist wieder
das Mitleid da, das Erbarmen mit
der Menschheit, das man wieder nur
an wenigen Einzelnen üben kann.
Und das, was wir Menschenliebe nennen?
Das Christentum lehrt, daß die Menschen
einander lieben sollen. Ich bin dann
leider ein schlechter Christ, denn ich ver=
steige mich nicht so hoch, ich verlangte
nur, daß sie unter einander gerecht
seien, diese Menschen, dies tollen, dummen,
armen Menschen.
So löst sich alle Liebe in Mitleid. Und
was hat man davon? Die Liebe an
sich wäre Glück, das Mitleid ist ein
beständiges Leid, das nur in den
allerseltensten Fällen für Augenblicke
oder Tage gestillt werden kann.
Und nun, lieber Freund, frage ich
Dich, kannst Du das verstehen? Gibt es
für Dich eine leidlose Liebe? Ist es bei
Dir so gesondert, Liebe u. Mitleid,
daß Du jedes für sich allein hast, haben
kannst?
Die Sache hat für mich nicht blos ein
psychologisches Interesse, ich möchte vor
allem ungefähr wissen, was ich ge=