Rosegger, Peter: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 6.6.1914
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Dr. Peter Rosegger
Graz. 6. VI. 1914.
„ Lieber, hochzuverehrender Freund!
Obschon ich es nicht verantworten kann, Deine
kostbare Zeit zu schmälern, drängt es mich
doch, Dir zu danken für Deine gütigen Zeilen,
deren grosse Gemütsinnigkeit mich allerdings
beschämt hat. Du hattest in Deinem letzten
Schreiben auch die Gewogenheit, Deinen
Ausspruch über die Frauen meinem noch
von Lungendampf verduselten Gehirn
klarer zu machen. Ich glaube, Du triffst
hierin mit vieler Schärfe eine allgemeine
Wahrheit. Man wird für das Urteil der
Frau den Mann um so weniger verant=
wortlich machen, als Jeder aus eigener
Erfahrung weiß, wie wesentlich solche Stand=
punkte differieren können. Bei aller
treuen Liebe und Schmiegsamkeit hat jeder
Ehemann sich vor dem Siemandl= und
Erweibel=Verhältnis zu hüten! -
Dieser Gedanke, scheint mir, war in Deinem
gefälligen Schreiben vom 4. Juni verblümt