Rosegger, Peter: Brief an Wilhelm Kienzl. Graz, 6.6.1914
angedeutet und so bedeutsam er an sich ist,
dünkte es mir doch, als hätte er zu der in
unseren gegenseitigen Briefen berührten
Sache wenig Beziehung.
Prinzipiell entschieden widersprechen, mein
teurer Freund, muß ich der allzuoptimistischen
Bemerkung Deines letzten Briefes, daß ich
ein ungleich geringeres Sünderbewußt=
sein hätte, als Du! Du bist ja doch sonst nichts
weniger, als ein Pharisäer, der sich auf den
Zöllner hinausspielt! Soweit, glaube ich,
sind wir beide, daß wir uns gelegentlich
einmal einen fröhlichen „Haderlumpen“
ruhig gefallen lassen können - aber nicht
viel weiteres darüber hinaus.
Einen heillosen Schreck, mein liebwerter
Freund, hast Du mir beigebracht mit Deiner
Mahnung: „Nicht mehr weiterstreiten!“
Ich wüßte gar nicht, daß ich „gestritten“ habe.
Ich sagte dem vertrauten Kameraden
nur Meinungen, Empfindungen, Stim=
mungen. Die Form mochte wol den
Fehler eines ungebürlichen burschikosen