Schnabel, Artur: Brief an Ernst Krenek. Charlottenburg, 23.10.1931
Habsucht spiegelnde Antlitz des jeweils werbetüchtigsten Vorbilds wunderbare
Fortschritte gemacht, es färbt überall ab. Eigenart wird schon lange nicht
mehr zu den Besitztümern gerechnet. Die wenigen noch verbliebenen
Unterschiede sind überdies jetzt kaum wahrnehmbar, denn alle
zusammen erleiden und verschulden in trostloser (?) Entsprechung das
selbe Körperunbehagen, den einstweiligen Zustand dieses gewarnten
Geschlechts, das Trümmerfeld im Nebel, der die Ähnlichkeiten
selbstverständlich noch steigert, Milde und Schärfe fast aufhebt.
Auf unserer Civilisationsebene gibt es nur noch ein Magenklima.
Es ist ein unleugbar gewaltiges, aber doch ein fades Geschehn für den,
der die gestürzten Götter niemals angebetet hatte.
Der Gegensatz von Wien zu Berlin, Nudelwalker zu Reibeisen etwa,
besteht offenbar auch nicht mehr in alter Bestimmtheit.
Wohl dem, der, in sich gekehrt, einen vergleichsweise unangreifbaren
Ort findet, wie gut hat es der, dem nicht genommen werden
kann, was er zu bestellen bekam.
Sollte nicht eigentlich die „Vertrauenskrise″, von der jetzt Hinz und
Kunz unaufhörlich schwatzen, eine vorübergehende Selbstver-
trauensstärkung bewirken, eine Abnahme der durch nun
blossgestellte „Obrigkeiten″ gezüchteten Untrigkeitsregungen?
Besinnung auf das immerhin Unabhängige?
Sollte man nicht wieder einmal bemerken, was man nie
hätte vergessen dürfen, immer wieder aber vergass, bis dem
Gedächtnis, scheinbar von aussen, nachgeholfen wurde?
Die unerschöpflich wiederholte Erfahrung, dass die „Gesellschaft″
immer wieder fault, nie aber reift, wird gewiss rasch
wieder vergessen werden. So ist wohl unser Los –
(Zerbrechlich ist meist Münschenwag,
Ob man's auch anders wünschen mag!)
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