Viertel, Berthold: Brief an Karl Kraus. Berlin, 5.6.1924
5. Juni 1924
Teurer Karl!
Innigsten Dank für Dein Telegramm! Wenn ich seine
kurze Sprache recht verstehe, bezieht sich das „gesund“ –
„längst ohne Kontakt“ – auf Frau L. – Dann wäre es
also, nachdem die Vorstellungen vorüber waren, so gekommen,
wie ich es prophezeit hatte. – Ich konnte mich leider nicht
überwinden und, gegen meinen Instinkt, einen Brief schreiben.
Diesem Vorsatz mußte ich untreu werden. Es hätte auch
kaum noch beigetragen zur Entwirrung des inneren Laby-
rinths.
Ich weiß nicht, welchen Verlagsbrief Du meinst? Es kam
einer mit dem Brief Liegler. Und darin, in ein leeres
Blatt eingeschlossen, ein Ausschnitt aus der „A. Z“, eine Notiz,
welche das Erscheinen der „Rede“ ankündigte. Sonst meines Wissens
nichts.
Hier dauert der Kampf um den Lieferanten=Ausgleich immer
noch an. Doch glaube ich, daß sich alles in mehr oder minder
edle Verzichte auflösen wird, hoffentlich. Es ist ja nicht auf
so viel zu verzichten, von den Einzelnen. – Die allgemeine Lage ist
greulich. Politisch, wirtschaftlich, atmosphärisch: ein gefährliches
Stocken und auf dem Platze Hin und herzerren tausend bösester In-
stinkte, die sich in einander verbissen haben. Alle diese Sanierungen,
Abrutsche, Stützungen enthalten zuletzt als einzige Wirklichkeit