Viertel, Berthold: Brief an Karl Kraus. Berlin, 5.6.1924
Berliner Arbeiten, die fast alle aus der Not und dem Mangel
entstanden sind. (Das heißt: er hat auch die nicht gesehen; er hat
sie mit einem vorher informierten Auge auf Unfertigkeiten, Hemmungen
und Schönheitsfehler abgesucht; aber auch wenn er sie mitgelebt
hätte, wäre ihm wahrscheinlich, hoffentlich, ihre Intention, ihr Innerstes,
ihr Blut und ihr Geist fremd und contre coeur gewesen!) – Dagegen
hat er den Polgar gelesen; und das hat ihm am deutlichsten gezeigt,
was zu tun ist. – So sieht der deutsche Kritiker 1924 aus!
Und um dieses Beurteilers willen muß man durch die Berliner
Theaterwelt Spießruten laufen.
Teurer Karl! Ich würde so gern genauer wissen, wie es Dir
geht, wie Du jetzt lebst, mit wem Du verkehrst, und was Du
arbeitest? Es ist Dir gewiß nicht zuzumuten, daß Du einen
Brief schreibst; Telegramme sind wieder durch ihre Einsil-
bigkeit schlechte Erzähler. Vielleicht wäre Frau Helene Kann
so lieb, sich die Arbeit eines Briefes, der ja nur aus
Schlagworten bestehen müßte, zu machen. Wie geht es ihr?
Empfindet sie noch Groll gegen mich? Ich lasse sie herzlichst
grüßen.
Mit den besten Wünschen für Deine Arbeit und für
Dich, bin ich
Dein
Berthold Viertel