Wildgans, Anton: Brief an Gustav Huber. Mödling, 8.6.1920
Lieber Gustav -
Es ist lieb von dir, daß Du Dich meiner so freundlich erinnert hast.
Leider legen die gegenwärtigen Verhältnisse so viel Raum und
Zeit zwischen die Menschen, daß man bisweilen auf das bloße
Einandergedenken angewiesen ist.
Ich sollte schon längst fortsein und bin es nicht, da die
Pension im alten Stirnerhaus mir den Aufenthalt dort verleidet,
ja unmöglich macht, und ich anderorts auf der ganzen momentan
zugänglichen Welt keinen Ort weiß, wohin ich gehen könnte.
Ich bin aus meinem gewohnten Element geworfen und dies
ist sehr hart, da ich für dieses Frühjahr zwei große Pläne
hätte: 1. das Vorspiel zur Mosestragoedie u. 2. ein größeres
idyllisch=episches Gedicht, das von der kleinen Welt meines
Mödlinger Gartens ausgehend, weiteste Horizonte erfliegen
sollte. Mehr kann ich vorderhand nicht sagen, weil der Wein
noch in Gärung begriffen ist. Das Vorspiel zum Moses steht
hingegen fertig in mir und ich könnte es, glaube ich, in einem
Zuge niederschreiben, sofern ich nur den stillen Winkel hätte,
den ich dazu brauche. Ich habe sogar schon an Grinzing gedacht
u. zw. an irgendein stilles Zimmer in der geliebten Gegend,
wo Tante Johannas Haus steht. Ich weiß jedoch leider von vorneherein,
daß es dort so etwas nicht gibt und daher habe ich diesen Gedanken
Dir gegenüber erst gar nicht ausgesprochen. Denn es wäre für mich
zu schön, nach getaner Arbeit bisweilen bei Euch des Abends
einkehren zu können und den gelassen=heiteren Zwiespruch zu
pflegen. Ich warte also auf die Antwort, die seitens der fürstl.
Liechtensteinschen Schlösserverwaltung aussteht und die mir vielleicht