irgend einen bescheidenen Raum im Domestiquentrakt eines der
vielen Liechtensteinschen Schlösser eröffnen wird. Wenigstens wurde
mir dergleichen als nicht unmöglich in Aussicht gestellt.
Und ewig ist die arme Kunst gezwungen,
Zu betteln von des Lebens Überfluss.
Dieses Sappho=Wort, wenn auch in anderem Sinne als es an seiner
Stelle gemeint ist, ist das Leitmotiv jedes Künstlerlebens.
In das traurige politische Lied, das Dein lieber Brief anklingen
ließ, will ich lieber gar nicht einstimmen. Vaterland? - Vielleicht
war es niemals mehr als das Stück Erde, das jeder gerade für
sich bewohnte! Vielleicht ist das alles Wahn. Ein Stück Geschichte,
von uns zumteil erlebt, zumteil von Vätern und Großvätern überlie=
fert, vielleicht war das alles. Eine wahre Menschbruderschaft
innerhalb der Grenzen eines sogen. Vaterlandes hat es wohl niemals
gegeben. Sonst wäre nicht möglich, was jetzt in Deutschland
möglich ist: deutsche Menschen gegeneinander, der Süden gegen
den Norden, der Westen gegen den Osten! Oder stellt sich das nur
in den Zeitungen so dar. Wir wissen nichts. Wir können nie
erfahren, wie es wirklich ist, und wir haben so sehr das Bedürfnis
nach einem Festen, um das sich alles ordnet, nach einem Blickpunkt,
nach etwas, woran man glauben kann. Da gibt es nichts anderes, als
selbst sich dies alles zu sein, alles Äußere zutun mit jener
Gelassenheit, die gegenüber der Notwendigkeit ziemt, und im übrigen
die Welt in seinem Inneren aufzubauen.
Lieber Gustav, grüß mir Tante Johanna und sei selbst
herzlichst gegrüßt von Deinem alten
Toni
Mödling, am 8. Juni 1920.
vielen Liechtensteinschen Schlösser eröffnen wird. Wenigstens wurde
mir dergleichen als nicht unmöglich in Aussicht gestellt.
Und ewig ist die arme Kunst gezwungen,
Zu betteln von des Lebens Überfluss.
Dieses Sappho=Wort, wenn auch in anderem Sinne als es an seiner
Stelle gemeint ist, ist das Leitmotiv jedes Künstlerlebens.
In das traurige politische Lied, das Dein lieber Brief anklingen
ließ, will ich lieber gar nicht einstimmen. Vaterland? - Vielleicht
war es niemals mehr als das Stück Erde, das jeder gerade für
sich bewohnte! Vielleicht ist das alles Wahn. Ein Stück Geschichte,
von uns zumteil erlebt, zumteil von Vätern und Großvätern überlie=
fert, vielleicht war das alles. Eine wahre Menschbruderschaft
innerhalb der Grenzen eines sogen. Vaterlandes hat es wohl niemals
gegeben. Sonst wäre nicht möglich, was jetzt in Deutschland
möglich ist: deutsche Menschen gegeneinander, der Süden gegen
den Norden, der Westen gegen den Osten! Oder stellt sich das nur
in den Zeitungen so dar. Wir wissen nichts. Wir können nie
erfahren, wie es wirklich ist, und wir haben so sehr das Bedürfnis
nach einem Festen, um das sich alles ordnet, nach einem Blickpunkt,
nach etwas, woran man glauben kann. Da gibt es nichts anderes, als
selbst sich dies alles zu sein, alles Äußere zutun mit jener
Gelassenheit, die gegenüber der Notwendigkeit ziemt, und im übrigen
die Welt in seinem Inneren aufzubauen.
Lieber Gustav, grüß mir Tante Johanna und sei selbst
herzlichst gegrüßt von Deinem alten
Toni
Mödling, am 8. Juni 1920.