Wildgans, Anton: Brief an Gustav Huber. o.O., 29.12.1924
Lieber Gustav!
Heute kam Dein gutes Geschenk und es schmerzt mich,
daß ich mit dem Dank dafür Worte der Anteilnahme
an dem großen Leide verbinden muss, das auch Dir
widerfahren ist. Der Tod war gnädig mit unserer lieben
Freundin Johanna, er ersparte ihrem starken Lebens=
willen den letzten grausamen Kampf, er nahm sie
behutsam zu sich hinüber. Es ist dies der Tod, den
die Weisen aller Zeiten als den glücklichsten gepriesen
und so wollen auch wir in ihre Meinung einstimmen
und dankbar sein, daß dieses Leben starker Handlungen
und starker Neigungen so leise dahingegangen ist.
Was sie Dir als mütterliche Freundin war, steht
eingegraben in die Wegtafeln und Marksteine Deiner
bisherigen Wanderung und kann von einem anderen
als Dir gar nicht ermessen werden. Aber auch mir war,
durch Dich mir eröffnet, der helle Lampenkreis über
dem Tisch ihres Hauses oft und oft eine liebe Stätte der
Zuflucht, der Behaglichkeit und einer geistig erhöhten
Geselligkeit. Johanna hatte jene Eigenschaft, die Cornelius
Nepos dem Themistokles als die höchste anrechnet:
die patientia audiendi, d. h. die Gabe, an einem
Gespräche derartig zuhörend teilzunehmen, daß es ermunternd
und entfaltend auf Stimmung und Gedankenaus=
tausch der Redenden wirkt. Es ist dies die Art kluger
Fürsten, und nicht nur in diesem Sinne hatte diese Frau
etwas im besten Verstande Fürstliches.