Wildgans, Anton: Brief an Gustav Huber. o.O., 29.12.1924
Nun ist sie todt. Der weiße Lampenkreis wird nicht
mehr aufleuchten, worauf doch immerhin noch eine
kleine Hoffnung war, und die Welt ist für uns um
eine dunkle Stelle reicher, um eine Quelle der
Wärme ärmer und einer Zuflucht beraubt. So gehen
die Lichter aus, die einem leuchten, und manchmal
dünkt es einen – Du weißt es von mir! – als flackerte
auch schon das eigene Flämmchen bedenklich im
Wind.
Lieber Gustav – wie ich auch an Walther schrieb –
dieser Tod soll nicht entfremdend, nicht trennend,
nicht zerstreuend wirken auf die Menschen, die ehemals
um den gastlichen Tisch dieser freundlichen Wirthin
saßen! Er sollte verbinden! Und soweit es auf
mich ankommt, wird er es. Und es wird nicht Banquos
Geist sein, der auf dem Stuhl erscheinen wird, der in
der Runde leer geworden, es wird unserer guten
Johanna starker, lebensfroher und lebenstüchtiger
Geist sein, dem wir aus vollen Gläsern innig und
still zutrinken wollen, solang uns noch ein gutes
Wort gedeiht und ein Wein noch bekömmt.
Herzlich und getreu
Dein
Toni
29. XII. 24.