Wildgans, Anton: Brief an Maria Mayer. Mödling, 8.1.1919
Hochverehrtes Fräulein -
Die persönliche Art der Zustellung Ihres Briefes durch
Fräulein Schilling hat seinen Empfang von vorneherein mit
einer gewissen freundlichen Feierlichkeit umgeben und auf
seinen überaus gütigen Inhalt geziemend vorbereitet.
Ich freue mich, Ihnen - wie ich aus Ihren Zeilen entnehmen
darf - einen Wunsch erfüllt und eine kleine Freude bereitet
zu haben. Ein wenig wollte ich damit auch den Dank vor=
wegnehmen, den ich Ihnen schuldig sein werde, wenn Sie die
Rolle der Elisabeth gespielt haben werden. Sie war Ihnen von
Anfang an im Innern zugedacht, wenn es auch bloß Zufall
war, daß es nun in Wirklichkeit dazu kommt.
Ohne Rollen im eigentlichen Sinne einem Schauspieler auf den
Leib zu schreiben, - was ja im dichterischen Verstande ein Unding
wäre - findet beim Dichter doch eine gewisse unwillkürliche
Beziehung auf vertraute und verehrte Personen des Theaters
statt. Er sieht oft schon in einem frühen Stadium der Menschen=
gestaltung einen bestimmten Schauspieler in der sogenannten Rolle
und kann sich eigentlich nur von diesem Einen die restlose
Verkörperung vorstellen. So ergieng's mir seinerzeit mit der
Mutter in „Armut,” die Ihnen in einem noch viel tieferen
und innigerem Sinne zugedacht war. Aber damals war ich
nicht so glücklich wie diesmal, wo es sich zwar um eine
schwierigere Aufgabe, nicht aber darum um eine mehr erfüllende
handelt. Jene Gestalt war, wenn ich so sagen darf, eine Skulptur,
im höheren Maße dreidimensional, während ich die Gestalt
der Elisabeth eher mit einem Relief vergleichen möchte. Sie ist
nur insoweit da und eigentlich (seelisch-)körperlich, als dies
unbedingt notwendig ist. Umso dringender freilich erfordert