sie die bedeutende Schauspielerin, nicht einmal so sehr darstellerisch
als geistig. Sie muss die Function erkennen, die sie in der Tragoedie
hat. Diese Mission ist, vom Publicum aus gesehen, undankbar,
vom Dichter aus gesehen, um so dankbarer d. h. so geartet, daß sie
ihn zu Dank verpflichten kann.
Die reliefartige Modellierung hängt mit tieferen Absichten zusammen.
Das Verhältnis zwischen Mutter und Vater war bloß praemissenhaft
anzudeuten. Oder besser: die Prämissen des Gegensatzes zwischen beiden
wurden als gegeben betrachtet. Seine Darstellung als Haupt=
sache wäre Strindbergisch gewesen und damit der Versuch, ein
denkwürdig erledigtes Problem nochmals aufzunehmen. Dieser
Möglichkeit wurde planmäßig ausgewichen. Der Kampf zwischen
Mann und Weib auf der Ebene ein und der selben Generation
konnte und durfte nicht das Problem dieser Tragoedie sein. In
ihr liegt es weit zurück und hat selbst damals nicht von Angesicht
zu Angesicht stattgefunden. Der Vater spricht von „zwanzig qual=
voll verhaltenen Jahren” und die Mutter: Ja, abrechnen wir zwei -
endlich! Und er darauf: Für ein ganzes, langes verstümmeltes
Leben! Und in diesem Augenblicke fällt der Vorhang, weil
es gleichgiltig ist, was diese beiden Menschen einander vorzuwerfen
haben, und nur wichtig, daß sie einander etwas vorzuwerfen haben,
nur daß durch diesen von ihnen irgendwie nicht beseitigten Gegensatz,
durch diese fortgezeugte Feindseligkeit, die ja bloß eine Verschieden=
artigkeit zu sein braucht, der Kampfplatz in die Seele des Kindes
verlegt wurde, jenes Kindes, das sich selbst „das grausame
Widerspiel ihrer unversöhnlichen Kräfte in einem Herzen” nennt.
Damit ist das Problem aus der Sphäre des bloßen Naturereignisses,
als welches der Kampf der Geschlechter ist, in den Bereich des Sittlichen
gerückt, das Drama als solches - technisch gesprochen - aus dem
Naturalismus hinüber in etwas, das man unter geflissentlicher
Vermeidung des vieldeutig-abgebrauchten Wortes „Idealismus” neu=
bildnerisch „Ideismus” nennen könnte.
als geistig. Sie muss die Function erkennen, die sie in der Tragoedie
hat. Diese Mission ist, vom Publicum aus gesehen, undankbar,
vom Dichter aus gesehen, um so dankbarer d. h. so geartet, daß sie
ihn zu Dank verpflichten kann.
Die reliefartige Modellierung hängt mit tieferen Absichten zusammen.
Das Verhältnis zwischen Mutter und Vater war bloß praemissenhaft
anzudeuten. Oder besser: die Prämissen des Gegensatzes zwischen beiden
wurden als gegeben betrachtet. Seine Darstellung als Haupt=
sache wäre Strindbergisch gewesen und damit der Versuch, ein
denkwürdig erledigtes Problem nochmals aufzunehmen. Dieser
Möglichkeit wurde planmäßig ausgewichen. Der Kampf zwischen
Mann und Weib auf der Ebene ein und der selben Generation
konnte und durfte nicht das Problem dieser Tragoedie sein. In
ihr liegt es weit zurück und hat selbst damals nicht von Angesicht
zu Angesicht stattgefunden. Der Vater spricht von „zwanzig qual=
voll verhaltenen Jahren” und die Mutter: Ja, abrechnen wir zwei -
endlich! Und er darauf: Für ein ganzes, langes verstümmeltes
Leben! Und in diesem Augenblicke fällt der Vorhang, weil
es gleichgiltig ist, was diese beiden Menschen einander vorzuwerfen
haben, und nur wichtig, daß sie einander etwas vorzuwerfen haben,
nur daß durch diesen von ihnen irgendwie nicht beseitigten Gegensatz,
durch diese fortgezeugte Feindseligkeit, die ja bloß eine Verschieden=
artigkeit zu sein braucht, der Kampfplatz in die Seele des Kindes
verlegt wurde, jenes Kindes, das sich selbst „das grausame
Widerspiel ihrer unversöhnlichen Kräfte in einem Herzen” nennt.
Damit ist das Problem aus der Sphäre des bloßen Naturereignisses,
als welches der Kampf der Geschlechter ist, in den Bereich des Sittlichen
gerückt, das Drama als solches - technisch gesprochen - aus dem
Naturalismus hinüber in etwas, das man unter geflissentlicher
Vermeidung des vieldeutig-abgebrauchten Wortes „Idealismus” neu=
bildnerisch „Ideismus” nennen könnte.